Warum Norman Foster seltsam geformte Gebäude entwirft

Büroturm 30 St Mary Axe in London, bekannt als "The Gherkin"

Wie eine Gurke sieht das Bürohochhaus der Swiss Re in London aus. Daher stammt auch sein Spitzname "The Gherkin". Foto: Hendrik Schwartz

Wenn von Norman Foster die Rede ist, wird seinem Namen gerne ein „Stararchitekt“ vorausgestellt. Dass der 79-Jährige tatsächlich ein Star ist, was seine Kreativität angeht, das beweisen alleine schon seine Projekte. Im Medienzentrum der Passauer Neuen Presse in Passau-Sperrwies sind noch bis 28. November 2014 großformatige Fotografien der von ihm entworfenen Gebäude ausgestellt. Ideenskizzen und Texttafeln geben Einblicke in die Entstehung der oft aufsehenerregenden Architektur. Der Eintritt ist frei, die Ausstellung ist von Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Wer sich die Bilder ansieht, erkennt: Normale Formen sind nichts für Norman Forster. Quader und rechte Winkel finden sich kaum.

Architektur wird umso spannender, wenn sie Beschränkungen unterliegt, sagte Norman Foster sinngemäß, als er im Oktober 2014 zu Gast im Medienzentrum war. Dass ihm solche Herausforderungen liegen, merkt man schnell: Ob er sich – wie bei der Reichstagskuppel in Berlin – am historischen Bestand orientieren musste oder – wie beim Viadukt von Millau in Südfrankreich – außergewöhnliche örtliche Bedingungen vorfand, immer ist ein architektonisches Meisterwerk entstanden. Und meist in sehr ungewöhnlicher Form.

Norman Foster Ausstellung im Atrium des Verlagsgebäudes der Passauer Neuen Presse

Architektur trifft auf Architektur: Die Fotos der Projekte von Norman Foster werden im Atrium des Verlagsgebäudes der Passauer Neuen Presse gezeigt, das selbst mit moderner Architektur beeindruckt. Foto: Karin Polz

Besonders spannend ist Norman Foster ökologische Ausrichtung. Oft erklären sich die ungewöhnlichen Formen und Umrisse der Bauten dadurch, dass sie besonders energieeffiziente Effekte haben. Bei der City Hall in London beispielsweise hat Foster die Sonneneinstrahlung auf die Oberfläche minimiert und die Beschattung maximiert. Der Büroturm der Commerzbank in Frankfurt nutzt das zentrale Atrium als natürlicher Lüftungsschacht, eine doppelte Außenfassade macht die Frischluftzufuhr beim Lüften möglich, einige weitere Maßnahmen machen den Büroturm zum ökologischen Vorzeigeprojekt. Er wird immer wieder als „das erste ökologische Hochhaus“ bezeichnet. Die Ökostadt Masdar City bei Abu Dhabi plante Norman Foster gleich ganz kohlendioxid-neutral und abfallfrei, sie soll rein mit regenerativen Energien versorgt werden und autofrei bleiben.

City Hall London Außenansicht

Die ungewöhnliche Form der City Hall London erklärt sich dadurch, dass das Gebäude möglichst energieeffizient sein sollte: Die der Sonne ausgesetzten Flächen wurden minimiert, die Beschattung maximiert. Foto: Hendrik Schwartz

Auch das als „The Gherkin“ bekannt gewordene Hochhaus der Swiss Re in London – offizieller Name „30 St Mary Axe“ – verbraucht nur etwa die Hälfte der Energie eines normalen Bürogebäudes. Interessant ist bei diesem Bau auch,wie Norman Foster den Raum ausnutzt: Die tragende Außenhaut macht einen stützenfreien Innenraum möglich, Licht und Außenwelt kommen durch die transparente Hülle ungehindert ins Gebäude, eine Begrenzung nach außen gibt es sozusagen nicht. Die Bedürfnisse der Menschen liegen ihm am Herzen, sagt Norman Foster. Dass er trotz des massenweisen Einsatzes von Glas und Stahl trotzdem ansprechende, gar wohnliche Umgebungen schafft, zeigt seine Größe. Ästhetik und Alltagstauglichkeit schließen sich bei ihm nicht aus.

Heizung überflüssig: Komfortabel wohnen im Passivhaus

Passivhaus Engler in Burghausen Außenansicht

Große Fensterflächen im Süden lassen viel Sonne ins Passivhaus − das und die gute Dämmung machen eine konventionelle Heizung überflüssig. Foto: Karin Polz

Nie Heizöl oder Pellets kaufen. Niemals schlechte Luft in den Wohnräumen. Keine Angst vor Schimmel haben müssen. Wer ein Passivhaus baut, kann diese Vorteile genießen, energiesparend und komfortabel wohnen. Nach den Zertifizierungskriterien des Passivhaus-Instituts Darmstadt darf ein Passivhaus einen Heizwärmebedarf von 15 Kilowattstunden − den Energiegehalt von etwa 1,5 Liter Heizöl − pro Quadratmeter pro Jahr nicht übersteigen. Das sind 90 Prozent weniger als bei einem herkömmlichen Gebäude im Bestand.

Es waren nicht nur die Energiekosten, die Nina und Johannes Engler aus Burghausen überzeugt haben, ein Passivhaus zu bauen. „Wir hatten das Grundstück reserviert und waren uns sicher, dass wir unsere Doppelhaushälfte in Holzbauweise bauen wollen. Von Manfred Gruber ließen wir uns dann von den Vorteilen des Passivhauses überzeugen“, erzählt Nina Engler.

Esszimmer und Küche im Passivhaus Enger

Offene Wohnräume, viel Licht und immer angenehm temperiert: Die Englers schwärmen von dem Raumklima. Foto: Nina Engler

Der Inhaber von Holzbau Gruber aus Kirchweidach wohnt selbst in einem Passivhaus, ist Mitglied im Passivhaus-Kreis Rosenheim-Traunstein und baut nach eigenen Angaben zu 90 bis 95 Prozent Passivhäuser. Das Haus der Englers ist auch für ihn ein besonderes: Es wurde vom Passivhaus-Institut zertifiziert und darf ein offizielles Siegel tragen. Das können nicht viele Häuser von sich behaupten − im Landkreis Altötting ist es ein einziges, im Landkreis Mühldorf und Bad Reichenhall gibt es gar kein zertifiziertes Passivhaus, im Landkreis Traunstein fünf Häuser und im Landkreis Rosenheim ebenfalls fünf. Dies war der Stand im Januar 2014 nach Angaben des Passivhaus-Instituts. Von insgesamt 25.000 Wohneinheiten im Passivhaus-Standard sind in Deutschland nur etwa zehn Prozent zertifiziert nach den Kriterien des Passivhaus-Instituts.

Vieles, was sich die Englers für ihr 139 Quadratmeter großes Zuhause gewünscht hatten, konnte mit der Passivhaus-Bauweise umgesetzt werden. Sie hatten sich ein Grundstück mit Ausrichtung nach Süden ausgesucht, so kann die Wärme der Sonne ausgenutzt werden − eine wichtige Voraussetzung. Große Fenster wünschte sich Nina Engler sowieso − dass es nun spezielle Passivhausfenster mit Dreifach-Wärmeschutzverglasung und überdämmten Rahmen sind, die Sonnenstrahlen reinlassen, aber die Wärme nicht mehr rauslassen, kann ihr nur recht sein. Die Bodenplatte auf einer 40 Zentimeter dicken Schicht aus Glasschaumschotter und die  42 Zentimeter dicken Wände halten schön warm. Bau- und Dämmstoffe sind zudem fast ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen.

Zertifizierungsschild für Passivhaus Engler

Dass das Haus Engler ein zertifiziertes Passivhaus ist, beweist dieses Schild neben der Haustür. Foto: Karin Polz

Südausrichtung, Dämmung, keine Wärmebrücken − viel physikalisches Wissen, Berechnen und genaues Arbeiten sind für ein Passivhaus notwendig. Dazu kommt eine ausgeklügelte Technik: Die kontrollierte Wohnraumlüftung sorgt für frische Luft. Beim Austausch wird der verbrauchten Luft die Wärme entzogen und die frische Luft damit angewärmt. Weitere Heizleistung für Wohnräume und Warmwasser stellt ein Wärmepumpen-Kompaktgerät bereit. Es hat die Größe eines Gefrierschranks und die Leistung eines Haarföns. Der Betrieb kostet die Englers umgerechnet einen Euro Strom pro Tag. Da ansonsten keine Heizung benötigt wird, hat das Haus der Englers keinen Kamin −  das spart Kosten. Dafür haben sich die Englers eine Photovoltaikanlage geleistet. „Rein rechnerisch ist es sogar ein Plusenergiehaus“, freut sich Manfred Gruber.

„Ich empfehle allen Freunden, ein Passivhaus zu bauen“, sagt Nina Engler. „Es ist einfach das beste Raumklima; ich habe in den vergangenen 30 Jahren nie in einem besseren gewohnt.“ Vorurteile, wie dasjenige, dass man nie die Fenster öffnen darf, entkräftet sie mit einem Lächeln: „Ich darf die Fenster öffnen, ich muss aber nicht.“

Tage des Passivhauses 2014

Wie lebt es sich in einem solchen Haus? Wer sich so ein Gebäude näher anschauen und mit Planern und Bewohnern sprechen möchte, kann die „Tage des Passivhauses“ nutzen. Von 7. bis 9. November 2014 öffnen viele Passivhäuser ihre Türen. Einen Überblick gibt es unter www.passivhausprojekte.de.

Dieser Text ist erstmals im Lokalteil Altötting der Passauer Neuen Presse vom 1. November 2014 erschienen.