Architektouren 2018: Was ich anschauen würde, wenn . . .

So viele Termine! Das würde auch für drei spannende und unterhaltsame Wochenenden reichen.

Ich liebe die Architektouren! Wer meinen Blog kennt, der weiß, dass ich mir dieses Wochenende jedes Jahr schon lange im Voraus frei halte. Dann warte ich sehnsüchtig darauf, dass bekanntgegeben wird, welche Projekte zu besichtigen sind, und stelle mir meine Liste für das Architektouren-Wochenende zusammen. Dieses Jahr ist es allerdings ein bisschen anders, denn am Samstag bin ich auf eine Hochzeit eingeladen. Deshalb stelle ich heute drei Listen zusammen – eine kleine Liste, was ich mir (vielleicht) am Sonntag anschauen werde. Und zwei Listen mit Highlights der diesjährigen Architektouren, die ich leider verpassen werde. Aber vielleicht habt ihr ja Lust und Zeit? Hier sind noch Tipps, auf was ihr beim Besuch der Projekte achten solltet.

Leider keine Zeit: Altstadt-Spaziergang mit Architektur in Passau

Gleich mehrere Projekte, die ich am Samstag verpassen werde, liegen in der Passauer Altstadt. Die Termine würden sich perfekt hintereinander „abarbeiten“ lassen, sogar mit Kaffeepausen. Und man würde vermutlich bei jedem Termin die gleichen Gesichter entdecken, denn die drei Projekte stammen von ein und demselben Architekturbüro: Koller Singhof Architekten aus Passau.

Samstag, 23. Juni 2018, 11 Uhr: Los geht es in der Theresienstraße 19, in einem prächtigen Bau, in dem schon Hans Carossa gearbeitet hat. Thema: „Wohnen und Arbeiten im Denkmal“.

Samstag, 23. Juni 2018, 13 Uhr: „Das grüne Haus“ in der Innbrückgasse 5 ist ein prototypischer Hochwasser-Ersatzneubau, der einem vielleicht von der Innpromenade aus schon mal aufgefallen ist.

Samstag, 23. Juni 2018, 15 Uhr: Weiter geht es mit dem Haus „In der Gasse“, nämlich in der Grabengasse 13. Das alte Handwerkerhaus hat auch unter dem Hochwasser gelitten, ist aber jetzt neu belebt.

Leider zu weit weg: Einfamilienhäuser zum Staunen

An manchen Projektbeschreibungen bleibt man hängen, obwohl man genau weiß, dass es einfach viel zu weit ist, für eine kurze Hausbesichtigung hundert Kilometer oder mehr zu fahren. Aber vielleicht wohnt ja von euch jemand in der Nähe dieser ungewöhnlichen Wohnhäuser? Dann nichts wie hin:

Sonntag, 24. Juni 2018, 10 bis 14 Uhr: Unauffällig anpassen oder gekonnter Stilbruch? Wer an ein bestehendes Haus aus den 1960er Jahren anbauen will, hat diese beide Möglichkeiten. Hier ist es natürlich der Stilbruch mit auffälliger Holzfassade. Zu sehen ist der „Siamesische Zwilling“ des Architekturbüros quadrat45° in Obertraubling.

Sonntag, 24. Juni 2018, 14 bis 17 Uhr: In Bogen steht das „Haus MA“, das dank seines auskragenden Wohnbereichs wie eine riesige Skulptur wirkt. Ein Teil der ersten Etage schwebt quasi in der Luft. Wer den Entwurf von MAM Architekten sehen möchte, hat am Sonntag Gelegenheit dazu.

Sonntag, 24. Juni 2018, 14 bis 16 Uhr: Die schwarze, geschwungene Fassade erregt Aufsehen – allerdings bekommt man sie vermutlich nicht zu Gesicht, wenn man nicht weiß, dass es sie überhaupt gibt. Denn das Wohngebäude liegt als Rückgebäude in einem Innenhof in der Rumfordstraße 11a in München. Ein sehenswertes Beispiel für Nachverdichtung von bauphase architekten. Das Projekt ist Samstag und Sonntag zu besichtigen.

Das will ich sehen: Dreimal Wohnen in Deggendorf und Umgebung

Sonntag, 24. Juni 2018, 9.30 bis 10.30 Uhr: Ein Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung wäre die erste Anlaufstelle, falls ich es am Sonntag nach Deggendorf schaffe. Das Haus in Bruck 25 in Deggendorf haben die hausfreunde Architekten geplant.

Sonntag, 24. Juni 2018, 11 bis 12 Uhr: Im Anschluss heißt es: gleiche Architekten, anderes Projekt. Mitten in einer Waldwiese steht ein Ferienhäuschen, das mit ökologischen Baustoffen saniert wurde. Für „EBN Gute Nacht Fuchs, gute Nacht Hase!“ geht es weiter nach Rindberg 38 bei Bernried.

Sonntag, 24. Juni 2018, 15 Uhr: Kleine Pause und dann in die Berger Straße 42 in Deggendorf. Die Architekten Regina Schineis und Stefan Hiendl zeigen dort in einer dunklen Holzfassade die Büros und Wohnungen, die nach dem Umbau und der Erweiterung von „B42“ entstanden sind.

Ob das mit Deggendorf am Sonntag was wird, hängt aber auch ein bisschen vom Wetter ab. Denn die Architektouren haben starke Konkurrenz: Den „Tag der offenen Gartentür“. Gärten anzuschauen finde ich auch sehr, sehr spannend. Das Programm ist vielfältig und mit Gärten unter anderem in Passau, Ruhstorf und Obernzell auch gut zu erreichen. Mal schauen, ob die Häuser oder die Gärten gewinnen!

Brennen Holzhäuser schneller ab? Ein Versuch zeigt’s

„Hast du keine Angst vor Feuer?“ Diese Frage bekomme ich als Holzhausbesitzerin häufig zu hören. Natürlich habe ich Angst vor Feuer – vermutlich gibt es keinen Hausbesitzer, der nicht wenigstens beim Abschluss der Gebäudeversicherung kurz mal mit mulmigem Gefühl daran gedacht hat, wie grauenvoll es sein muss, wenn das eigene Haus niederbrennt. Aber was mit der Frage meistens gemeint ist: Holz brennt gut, das wissen wir nicht nur von Kaminöfen und Lagerfeuern. Brennt deshalb ein Holzhaus schneller, schlimmer und unaufhaltsamer ab als ein Haus aus Ziegeln oder Beton?

Mein erster, intuitiver Gedanke dazu war schon immer: Wenn es denn so wäre, dann dürfte man in Deutschland sicher gar keine Holzhäuser bauen. Wir dürfen nicht mal unseren Zentralstaubsauger benutzen, ohne dass ein Fensterkippschalter die Frischluftzufuhr regelt. Der Gesetzgeber regelt bei Bau viele Sicherheitsfragen.

Meine zweite Reaktion: recherchieren, nachfragen, nachlesen. Holz brennt nur gut, wenn es dünn ist. Ein dicker Balken ist schwer in Brand zu setzen und verkohlt dann, was eine Schutzschicht bildet, wie der Deutsche Holzfertigbau-Verband e. V. erklärt. Doch weitaus plakativer als alle Beschreibungen ist ein Versuch, den unter anderem das lettische Holzbauunternehmen Pavasars durchgeführt hat. Die haben einfach mal zwei Musterhäuser – eines aus Beton, eines aus Holz – abgefackelt und geschaut, was passiert. Schaut euch mal das Video an, hier ist es mit englischen Untertiteln versehen!

Das Experiment wurde im Juli 2017 in Rauna in Lettland durchgeführt. Die technischen Details zum Versuchsaufbau könnt ihr auf der Seite von Holzbau Austria nachlesen.

Natürlich ist klar: Wenn ein Holzbauunternehmen diesen Test durchführt, werden sie es vermutlich nicht darauf anlegen, dass das Holzhaus schlecht abschneidet. Mit Fachwissen könnte man im Detail nachprüfen, ob wirklich gleichwertige Situationen im Beton- und im Holzhaus geschaffen wurden. Vielleicht würde ein Betonhaushersteller den Versuchsaufbau anders machen?

Außerdem müssen natürlich in einem Holzhaus trotzdem zahlreiche Details beachtet werden, um höchstmöglichen Brandschutz zu garantieren. Doch selbst wenn das Experiment womöglich nicht hundertprozentig neutral und objektiv ist und ein Brand immer noch ein lebensgefährliches Ereignis ist, das hoffentlich niemals eintritt, zeigt das Video doch: Wegen einer vermeintlich hohen Brandgefahr braucht niemand auf ein Holzhaus verzichten. Und übrigens gibt es auch sonst wenig, was gegen ein Holzhaus spricht – aber über Vorurteile und die Wahrheit habe ich ja schon im Beitrag „Das kannst du doch nicht machen! – Teil 5: Ein Holzhaus bauen“ ausführlich geschrieben.

Altes und Neues harmoniert am Inn

Passau Innpromenade

Zwei Projekte der Architektouren 2017 liegen an der Passauer Innpromenade – und könnten unterschiedlicher kaum sein. Foto: Hendrik Schwartz

Als 2013 die Altstadt von Passau in den Fluten von Inn und Donau unterging, wurde so manches Gebäude zerstört. Aus menschlicher Sicht eine Katastrophe, aus architektonischer Sicht aber oftmals auch eine Chance. Bei den Architektouren 2017 der Bayerischen Architektenkammer am letzten Juni-Wochenende konnten in Passau zwei Projekte besichtigt werden, die es ohne das Hochwasser so nicht gegeben hätte. Ansonsten könnten die Projekte unterschiedlicher nicht sein: eines setzt auf Sanierung und alte Vorbilder, das andere auf Modernes, das sich vom Dagewesenen abhebt und dennoch harmoniert.

Unumstritten: Charmante Cafébar hinter alten Mauern

Innenraum Café Il Nostro in Passau

Ein schmaler Raum, an dessen rechter Wand sich eine Holzbank entlangschlängelt: das Café Il Nostro. Foto: Hendrik Schwartz

Es ist „wenig dran“ an diesem Gebäude am Innbrückbogen: etwa 30 Zentimeter dickes Mauerwerk auf der Innseite mit kleinen, doppelten Flügelfenstern; und nochmal rund 30 Zentimeter Mauerwerk zur Straße hin, unterbrochen von Türen und Fenstertüren. Drinnen ein schmaler Raum, der sich hin zum Innbrücktor schlängelt. Im wahrsten Sinne des Wortes: Gerade Wände und einen rechtwinkligen Grundriss findet man hier nicht. Dafür eine elegante durchgängige Sitzbank aus Holz, die dem geschwungenen Wandverlauf folgt. Dazu schlichte Tische – fertig ist der Gastraum, der durch die Kastenfenster hin zu Inn und die Türen zur Straße erstaunlich hell wirkt. Theke und Küche drängen sich an eine Schmalseite, an der anderern wendelt sich eine moderne Stahltreppe nach oben zu den Toiletten. Und zu einer kleinen Wohnung, dessen schnörkellose und durchdachte Einrichtung man auf der Internetseite des Architekturbüros Andreas Schmöller sehen kann.

Fassade Café Il Nostro

Die rechteckigen Vertiefungen über den Türbögen gehören zur historischen Ansicht der Fassade. Sie sind aber nicht alle wirklich vorhanden. Foto: Hendrik Schwartz

So klein und unkompliziert das Café von innen erscheint, so groß und spannungsreich ist die Historie des Gebäudes, das direkt am Brückenkopf der alten Innbrücke liegt. Einige Passauer erinnern sich sicherlich auch noch an die Zeiten, als in dem schmalen Gebäude gleich mehrere winzige Geschäfte, darunter ein Uhrmacher, untergebracht waren. Wie klein die Läden waren, erkennt man an den Fenstertüren des Cafés – sie ersetzen die früheren Ladentüren. Widerstandsfähiges Eichenholz und Einbauten, die sich schnell entfernen lassen, sollen einem möglichen künftigen Hochwasser trotzen. Denn eine so umfassende Renovierung, wie sie nach 2013 notwendig war, als der Unterbau des Gebäudes unterspült war, möchte man dem Gebäude nicht noch einmal zumuten. Und schließlich ist es nun auch wieder in einem Zustand, der auch dem Denkmalschutz zusagt – wenn auch mit Tricksereien: Um die sowieso schon dünnen Mauern nicht noch weiter zu verschlanken, hat man beispielsweise die fehlenden Vertiefungen über den Türbögen nicht nachgeformt, sondern als Illusionsmalerei aufgebracht. Wer nicht darauf hingewiesen wird, dem fällt das auch nicht auf. Auf den ersten Blick ist bei dem Café am Innbrückbogen alles so, wie es in alten Zeiten war. Nur viel schöner – wie es für dieses privilegierte Plätzchen in Passau angebracht ist.

Umstritten: Altstadt-Kindergarten auf Stelzen

Blick auf die Innseite der Altstadt Passaus

Wer nicht weiß, wo sich der Neubau des Altstadt-Kindergartens befindet, dem wird das moderne Gebäude kaum auffallen. Das Stadtbild stört der Bau jedenfalls nicht. Foto: Hendrik Schwartz

Nur wenige hundert Meter weiter befindet sich ein ebenso privilegierter Platz zum Wohnen und Leben. Hier genießen seit Jahrzehnten die kleinsten Altstadtbewohner Ausblick und Lage. Doch gegen das Hochwasser 2013 hatte das Gebäude des Altstadt-Kindergartens St. Stephan keine Chance: Der Siebziger-Jahre-Bau musste abgerissen werden. Doch was dann? Möglichkeit Nummer 1: Neubau im Stil des alten Kindergartens. Wäre dann aber genauso hochwassergefährdet – und so schön war der Siebziger-Jahre-Bau auch nicht, dass man ihn sich zurückwünschen würde. Möglichkeit Nummer 2: etwas Neues hinbauen. Die Fehler des Vorgängerbaus vermeiden (besserer Hochwasserschutz) und auch optisch was Neues bieten. Möglichkeit Nummer 3: gar nichts hinbauen – dann würde die Altstadtkulisse besser wirken können. Diese dritte Alternative kam allerdings für den Architekten Walter Schwetz, das Kindergartenpersonal und die Bauherren nicht in Frage. Man habe überlegt, wem die Stadt, wem dieser Platz gehöre. Und sei zu dem Ergebnis gekommen: Natürlich haben auch die Kinder Anrecht auf ihren Raum in einer Stadt. Und auf gute Architektur sowieso. Wer den Kindergarten besichtigt, wird bestätigen können, dass für die Kleinen ein großartiges Umfeld geschaffen wurde: helle Räume mit viel Holz, große Fensteröffnungen, wunderbare Ausblicke auf den Inn und auf Mariahilf, praktische Infrastruktur und hochwertiges Design.

Was von innen überzeugt, ist von außen immer noch einiger Kritik ausgesetzt. Um künftig Hochwasserschäden zu vermeiden, steht der Kindergarten-Bau auf Stelzen. Natürlich verdeckt er so etwas mehr Fassadenfläche des dahinterliegenden historischen Stadtbildes als zuvor. Doch gegen das riesige Kirchengebäude von St. Michael wirkt der Kindergarten immer noch winzig. Die Kindergartenkinder profitieren von dem Stelzenbau: Zu ihrem Garten haben sie so eine überdachte Freifläche dazugewonnen – mehr Platz zum Spielen und Toben, und das selbst, wenn das Wetter mal nicht ganz mitmacht. Die Fassade aus vorvergrautem Tannenholz ist ebenfalls Anlass für Kritik: zu modern, nicht kompatibel mit den historischen Bauten. Glücklicherweise hat sich der Entwurf von Architekt Walter Schwetz aber durchgesetzt: Wer heute von der Innstadt auf die Bebauung entlang der Innpromenade schaut, dem wird der Kindergarten nicht negativ auffallen. Die Holzfassade hält sich dezent zurück, wirkt bei genauerem Hinsehen trotzdem modern, ohne sich aufzudrängen. Und die Kinder genießen die beste Architektur, die sie an dieser Stelle bekommen konnten. Dafür müssen sie das architektonische Konzept nicht verstehen – in ausgezeichneter Architektur fühlt man sich wohl, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Wie Migranten und Studenten zusammen wohnen

Das Projekt „Home not Shelter“

Wenn es um Architektur geht, kommt einem wahrscheinlich nicht gerade als Erstes ein 30 Quadratmeter kleines Zimmer in den Sinn, das sich drei junge Menschen teilen. Aber auch solche Projekte gehören zur Achitektur – und wahrscheinlich sogar zu den wichtigeren Bereichen der Architektur. Den Eindruck hinterließ jedenfalls der Vortrag von Professor Dr. Ralf Pasel von der TU Berlin. Im Rahmen der Vorlesungsreihe „Urbane Lebensräume zwischen Teilhabe und Wertschöpfung“, einer Kooperation der Uni Passau und des Architekturforums Passau, berichtete er unter anderem vom Projekt „Home not Shelter“. Die ersten Teile der Vorlesungsreihe habe ich leider nicht in meinem Terminkalender unterbekommen, aber umso mehr habe ich mich gefreut, dass ich es zu Professor Dr. Ralf Pasel geschafft habe.

Wo und vor allem wie wohnen Menschen, die wenig Geld haben, aber vielleicht auch geringe Ansprüche? Wie schafft man viel Wohnraum für viele Menschen auf kurze Zeit? Und wie schafft man es vor allem, dass sich die Menschen dort auch wohlfühlen? Das ist eine Frage, die sich momentan vor allem in Hinblick auf die Unterbringung der Flüchtlinge stellt. Aber die Frage stellt sich auch von Jahr zu Jahr neu, wenn Studenten Wohnraum in einer Universitätsstadt suchen. Günstig zu wohnen muss ja nicht zwingend heißen, schlecht zu wohnen – darüber haben sich in dem Projekt Studierende und Mitarbeiter der Jade Hochschule Oldenburg, der TU Wien, der TU München, der TU Berlin und der Universität Hannover Gedanken gemacht.

Migranten und Studenten leben zusammen

Die Idee: Wenn Migranten und Studenten vor den gleichen Problemen bei der Wohnungssuche stehen, dann könnte es hier doch auch eine gemeinsame Lösung geben: Projekte, bei denen man gemeinsam lebt; oder anders gesagt: integrative Wohnlösungen für Migranten und Studierende. Herausgekommen sind zahlreiche spannende Entwürfe. Umgesetzt wurde aber nur einer – und zwar im 10. Bezirk in Wien.

In der ehemaligen Osteuropazentrale von Siemens, einem Bürohaus aus den 1980er Jahren, wurden zwei Etagen nach den Ideen aus dem Projekt „Home not Shelter“ umgebaut und werden jetzt für eine Dauer von fünf Jahren von der Caritas betrieben. 140 Personen, die Hälfte Studenten, die andere Hälfte jugendliche Flüchtlinge, können hier auf Zeit wohnen. Die Büroräume sind effizient und kostengünstig umgebaut worden. Indem zum Teil der aufgeständerte Boden und die abgehängte Decke entfernt wurden, haben die Räume an Höhe gewonnen. Holzkonstruktionen verlegen das Bett auf eine höhere Ebene, darunter ist Platz zum Sitzen, Lernen, Sachen verstauen. Zwei bis drei Personen leben auf 20 bis 40 Quadratemetern. Dass man sich in Österreich als Studienanfänger sein Zimmer teilt, sei durchaus normal, erklärte eine Zuhörerin beim Vortrag – in Deutschland eher undenkbar.

Was die Studenten aus den ehemaligen Bürogebäuden gemacht haben, ist wirklich sehenswert – auch die Ideen zum Thema Gemeinschaftsräume und die Einrichtung einiger Räume mit vorgefertigten Raummodulen. Einen guten Artikel zum Projekt mit vielen Daten gibt es auf den Internetseiten der Deutschen Bauzeitung.

Interessant ist übrigens auch die Charta von „Home not Shelter“, die grundlegende Anforderungen an die Projekte stellt. „Die Entwurfsqualität und der Gestaltungsanspruch an die Architektur machen hochwertiges Design für jeden zugänglich“, heißt es dort abschließend. Ein schöner Gedanke, der sich durchsetzen sollte, damit beim Thema Architektur nicht jeder als Erstes an eine Villa in Bauhausformat denkt.

Jetzt bin ich gespannt auf den letzten Teil der Vorlesungsreihe: Da geht es um „Wendepunkte im WohnBauen“ mit Professor Dr. Thomas Jocher von der Universität Stuttgart. Wenn es so spannend wird wie „Home not Shelter“, lest ihr auch darüber demnächst im Blog!

Wohnen auf dem Wasser

Das hat nur, wer direkt am Wasser wohnt: eine Terrasse, die nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche beginnt. Foto: Hendrik Schwartz.

Das hat nur, wer direkt am Wasser wohnt: eine Terrasse, die nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche beginnt. Foto: Hendrik Schwartz

Ein Haus am Meer. Ein Haus am See. Wenn man nach der idealen Lage eines Traumhauses fragt, ist oft Nähe zum Wasser gefragt. Doch leider kann natürlich nicht jeder an einem See oder am Strand bauen. Von den Kosten ganz zu schweigen. Wird es billiger, wenn man die Wasserfläche künstlich schafft? Eher nicht, wie ein Beispiel aus Hamburg zeigt.

In Hamburg hat man im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2013 nicht nur am, sondern schon fast im Wasser gebaut: Die sogenannte Waterhouses im Bezirk Wilhelmsburg-Mitte stehen auf Pfählen in einem 4000 Quadratmeter großen Regenrückhaltebecken, das an das Wilhelmsburger Wettern- und Kanalsystem angeschlossen ist. Das hört sich recht unspektakulär an, von ihrer Wirkung her aber ist die Wohnsituation sehr maritim, sehr extravagant.

Betonflächen statt Strand: Hier sind man, dass die Waterhaouses nicht an einem natürlichen See oder Meer liegen, sondern an einem künstlichen Regenrückhaltebecken. Foto: Hendrik Schwartz

Pflastersteine statt Strand: Hier sind man, dass die Waterhouses nicht an einem natürlichen See oder Meer liegen, sondern an einem künstlichen Regenrückhaltebecken. Foto: Hendrik Schwartz

Insgesamt wurden vier Triplexhäuser gebaut, die jeweils aus drei separat zugänglichen, dreigeschossigen Wohnungen bestehen. Die Wohnungen sind zwischen 123 und 130 Quadratmeter groß. Dazu kommt der Watertower mit 22 Wohnungen auf neun Etagen, hier beträgt die Wohnfläche zwischen 60 und 129 Quadratmetern. Alle Wohnungen wurden schon vor der Grundsteinlegung verkauft – und das bei Preisen von 2500 bis 3400 Euro pro Quadratmeter. Offensichtlich kommt Wohnen auf dem Wasser mitten in der Stadt gut an.

Ausstattung und Wohngefühl müssen jedenfalls super sein – das legen jedenfalls Bilder aus dem Inneren der Häuser nahe. Das Erdgeschoss, das hier sinnigerweise Wassergeschoss heißt, ist jeweils mit viel Glas und direktem Blick aufs Wasser gestaltet. Dazu hat jede Wohnung eine Terrasse oder einen Balkon am Wasser, die Eigentümer der Waterhouses haben sogar eigene Bootsstege und können sich rund um ihre Terrasse einen Unterwassergarten anlegen.

Die Architekten von Schenk + Waiblinger Architekten aus Hamburg, die das Projekt zusammen mit Hochtief Solutions AG formart Hamburg umgesetzt haben, haben zudem besonders umweltfreundlich und energiesparend geplant. Die Waterhouses sind mit der DGNB-Zertifizierung in Gold der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen ausgezeichnet worden.

Ein Spaziergang durch Hamburg Hafencity

Seit ein paar Tagen bin ich wieder zurück vom Sommerurlaub im hohen Norden. Die Architektur ist dort schon sehr verschieden von dem, was wir in Bayern kennen. Das hat mich sofort wieder an meine Reise nach Hamburg zur Internationalen Bauausstellung erinnert. Damals haben wir nicht nur neuartige Baukonzepte wie Selbstbau- und Systembauhäuser oder die innovative Energieversorgung mit Algen angeschaut, sondern sind auch sehr lange durch die Hafencity mit ihren imposanten Gebäuden gestreift. Diese Fotos habe ich jetzt wieder rausgesucht – hier sind sie! Typisch norddeutsch sind die Bauten als moderne Hochhäuser vielleicht nicht, architektonisch spannend aber allemal.

Hier muss man hinter die (Beton-)Fassade schauen

Betonfassade des Mehrfamilienhauses Kapuzinerstraße 37

Warum diese Fassade keine Fenster hat? Weil dahinter das Treppenhaus des Mehrfamilienhauses liegt, das eine Barriere zwischen Verkehrslärm und Wohnräumen bildet. Foto: Hendrik Schwartz

Viel ist über das Haus in der Kapuzinerstraße 37 in Passau schon geschrieben worden. Denn es hat Aufsehen erregt mit seiner fensterlosen Betonfassade auf der Straßenseite. Doch wer sich alleine durch dieses ungewöhnliche, vielleicht abweisende Aussehen schon eine Meinung bildet, hat im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht alle Seiten betrachtet. Bei den Architektouren 2016 hat Architekt Bernd Vordermeier seine Planungen vorgestellt und erklärt – und wieder einmal meinen Verdacht bestätigt, dass manche Projekte umso kreativer ausfallen, je mehr Vorgaben und Beschränkungen es gibt.

Bei dem Neubau in der Kapuzinerstraße stellte vor allem der Hochwasserschutz eine Herausforderung dar. An Stelle des jetzigen Baus stand ein hochwassergeschädigtes Haus, das eigentlich saniert werden sollte. Allerdings stand bald fest, dass ein Ersatzbau die bessere Lösung ist. Der sollte drei Wohneinheiten umfassen, günstig sein und schnell errichtet sein – schließlich muss sich ein Mietshaus auch rechnen.

Erste Herausforderung: Hochwassergefahr

Garagenstellplätze Mehrfamilienhaus Kapuzinerstraße 37

An der Gebäudeseite befindet sich eine offene Zufahrt zu den Autostellplätzen im Erdgeschoss. Foto: Hendrik Schwartz

Ein komplett neues Haus ermöglichte komplett neue Lösungen für die bestehenden Probleme in dieser Lage. Der Hochwassergefahr begegnete Bernd Vordermeier, indem er das Erdgeschoss als Garage plante: Autos parken in einem offenen Raum unterhalb der Wohnebenen. Der Boden besteht aus Granitbruch – der wird schlimmstenfalls weggeschwemmt bei Hochwasser, mehr kann nicht passieren.

Zweite Herausforderung: Verkehrslärm

Die fensterlose Fassade hin zur Straße löst ein Problem, das für die Bewohner der Innstadt alltäglich ist: Verkehrslärm auf der stark befahrenen Straße. Es ist tatsächlich nicht ganz falsch, wenn man die fensterlose Fassade als „abweisend“ wahrnimmt –  sie hält einen großen Teil des Verkehrslärms ab. Ein Fenster raus auf die Straße, welcher Bewohner würde das schön finden? Wer würde das Fenster überhaupt öffnen wollen? Niemand vermutlich. Und so liegt längs der Straße hinter der fensterlosen Fassade das Treppenhaus und bildet in Betonbauweise und zum Teil nach oben hin offen (für den vorgeschriebenen Rauchabzug im Brandfall) eine Barriere zwischen Straße und Wohnungen.

Massivholzwände des Mehrfamilienhauses

Die Außenwände und tragenden Wände der Wohnräume sind aus Massivholz. Dies sorgt für eine angenehme Atmosphäre und ein gutes Raumklima. Foto: Hendrik Schwartz

Die wiederum bieten beste Aussichten in alle anderen Richtungen: Vom obersten Stockwerk aus schaut man aus einer großen Festverglasung direkt auf die Veste Oberhaus. Überhaupt: Es gibt im ganzen Haus nur zwei Fensterformate: „normale“ Flügelfenster und große Festverglasungen. Diese machen die Wohnungen hell und freundlich, ebenso trägt zu dieser Atmosphäre das viele Holz bei: Alle tragenden Wände sind aus Massivholz und als solche auch in den Räumen sichtbar.

Nicht beheizte Räume in Betonbauweise, der Rest in Massivholz mit einer Aluminiumfassade, und alles im KfW-70-Standard: Alle Herausforderungen wurden gemeistert, inklusive Budget und Bauzeit. Mit vielen durchdachten Planungen, ganz ohne Schnickschnack und mit oft verblüffend einfachen Lösungen für komplizierte Probleme ist das kompromisslose Low-Budget-Haus in der Kapuzinerstraße ein wahres Kunstwerk. Man muss nur genauer hinschauen – auch mal hinter die Betonfassade.

 

Last-Minute-Tipp Architektouren: Pfarrheim Herz Jesu in Ingolstadt

Neubau Pfarrheim Herz Jesu in Ingolstadt Innenraum

Beton ist der Baustoff, der den Charakter des Pfarrheims Herz Jesu bestimmt. Dazu wird Eichenholz kombiniert. Foto: Florian Holzherr

Während ich mir bei den Architektouren an diesem Wochenende ausschließlich Wohnhäuser anschauen werden – andere Projekte schaffe ich zeitlich nicht –, kann ich euch nur empfehlen, auch öffentliche Bauten und kommunale Projekte zu besichtigen, wenn ihr Zeit habt. Da gibt es wirklich innovative Architektur zu sehen. Für alle, die in und um Ingolstadt wohnen, habe ich noch einen Last-Minute-Tipp: Am Samstag, 25. Juni 2016, kann um 11 Uhr das Pfarrheim Herz Jesu in Ingolstadt anlässlich der Architektouren besichtigt werden.

Der Neubau ersetzt den in der Nachkriegszeit als Notkirche gebauten und später als Pfarrheim genutzten Vorgängerbau. Der klare, minimalistische Baukörper sorgt für Kontraste: zur denkmalgeschützten Betonkirche mit überdachtem Umgang von 1963 genauso wie zu den Einfamilienhäusern in der Nachbarschaft. Holz, Glas und Beton prägen den Bau.

Außenansicht Pfarrheim Herz Jesu in Ingolstadt

Die städtebauliche Setzung des Neubaus entlang der Straße signalisiert ein offenes, einladendes Haus. Foto: Florian Holzherr

Die Planung stammt von den Münchner Architekten bodensteiner ∙ fest, Annette Fest und Christian Bodensteiner. Ein offenes, einladendes Haus wollten sie bauen. Das zeigt sich sowohl daran, dass der Neubau an der Straße liegt, als auch an der Öffnung des Saals zum öffentlichen Raum. Mobile Trennwände machen die Fläche gut nutzbar.

Gestaltungsprinzip sind die an den Außenecken – zum Teil übereck – angeordneten Öffnungen, die die Fassade gliedern. Im kleinen Saal im Obergeschoss wiederholt sich die Übereckverglasung vertikal in Form einer Überkopfverglasung.

Garderobenhaken im Pfarrheim Herz Jesu in Ingolstadt

Anstelle einer Garderobe wurden eigens für das Projekt konzipierte Garderobenklapphaken aus Schwarzstahl flächenbündig in die Betonwand des Foyers eingelassen. Foto: bodensteiner · fest architekten stadtplaner bda

Wie bei der denkmalgeschützten Kirche ist Beton der Baustoff, der den Charakter des Gebäudes bestimmt. Minimalistisch werden Sichtbetonwände und -decken mit Eichenparkett und dem silbernem Eichenholz der Türen, Verkleidungen und Einbauten kombiniert. Verbunden mit einem zurückhaltenden, fein abgestimmten Farbkonzept verleiht dies den Räumen eine ruhige und warme Ausstrahlung.

Wer das Pfarrheim Herz Jesu besichtigen will: Die Adresse lautet Zeppelinstraße 88 in 85051 Ingolstadt. Termin ist Samstag, 25. Juni 2016, um 11Uhr. Weitere Informationen gibt es auf der Projektseite der Architektouren.

Lasst euch das nicht entgehen! Tipps für die Architektouren 2016

Architektouren 2016 Booklet und Datenbank

Mein Architektouren-Zeitplan für 25. und 26. Juni 2016 steht fest: Auf den Internetseiten der Architektenkammer und im Architektouren-Booklet habe ich alle Projekte ausgewählt, die mich interessieren. Foto: Karin Polz

Das Wochenende der Architektouren – meist so Ende Juni – ist einer meiner liebsten Termine im Jahr. Schon Wochen vorher schaue ich, welche Projekte in und um Passau angeboten werden, und mache mir einen Plan, welche Termine ich nicht verpassen will. Und ich kann nur jedem raten: Schaut mal nach, ob euch was von dem reichhaltigen Angebot 2016 interessiert – hier sind ein paar Tipps für alle, die die Architektouren noch nicht kennen.

Was sind die Architektouren überhaupt?

Jedes Jahr veranstaltet die Bayerische Architektenkammer die Architektouren. Besonders interessante Architektur-Projekte werden ausgewählt und öffnen dann an einem Juni-Wochenende ihre Türen für Besucher. Dieses Jahr am 25. und 26. Juni 2016. Die Projekte reichen vom sanierten Einfamilienhaus über die Dreifachturnhalle bis zu Grünanlagen und Parks. Zum festgelegten Termin darf man sich das Projekt anschauen und kann Bauherren und Architekten treffen.

Woher weiß ich, was es zu sehen gibt?

Eine Übersicht über die Projekte – in Bayern sind es dieses Jahr 289 – gibt es hier auf den Internetseiten der Architektenkammer. Bei der Projektsuche eingeben, was interessiert: Projekte in einem bestimmten Regierungsbezirk oder einem bestimmten Ort oder eine besondere Kategorie (zum Beispiel nur Sanierung und Denkmalschutz). Schon spuckt die Datenbank die passenden Termine aus.

Muss ich mich anmelden?

In der Regel nicht. Aber einige wenige Hausbesitzer, die ihre Türen für Architekturfans öffnen, möchten vorher lieber wissen, wer und wie viele Leute kommen. Oder nur auf Anfrage überhaupt ihre Adresse preisgeben. Bei der Projektbeschreibung steht dabei, ob man sich anmelden muss. Falls es nicht explizit verlangt wird: einfach hingehen.

Wie läuft so eine Besichtigung dann ab?

Auch das ist individuell. Der Normalfall ist: Man geht zum angegebenen Zeitpunkt oder im angegebenen Zeitraum zu der Projektadresse und schaut einfach, was angeboten wird. Manchmal ist das Projekt nur eine Stunde lang zu sehen, manche Veranstalter empfangen Besucher den ganzen Nachmittag über. Manchmal gibt es einen Sammelpunkt (am Eingang zum Beispiel), dort holt der Architekt die Interessenten ab (manchmal in Kleingruppen) und führt sie durch das Bauprojekt. Oft kann man sich in dem Haus oder der Wohnung auch ganz frei bewegen und Architekt und Bauherr stehen einfach für Fragen zur Verfügung. Manchmal sind alle Räume zugänglich, manchmal wollen die Bauherren nur einen Teil ihrer Wohnung zeigen. Manchmal gibt es Sekt zur Begrüßung und ein richtiges Nachbarschaftsfest anlässlich der Architektouren, manchmal machen sich die Bewohner der Räume auch ganz aus dem Staub und überlassen dem Architekten, das Projekt vorzustellen. Manche Architekten bereiten eine kleine Ausstellung über ihr Projekt vor, manche zeigen sogar Filme. Andere sehen die Architektouren weniger als Präsentation, denn als lockeren Gedankenaustausch mit den Besuchern. Keine Angst, wenn ihr zum ersten Mal zu den Architektouren geht: Jeder Termin ist anders, und die Verantwortlichen sagen euch meist ganz genau, wie es ablaufen soll.

Ist das nicht blöd, wenn fremde Menschen durchs Haus laufen?

Nein, ist es nicht! Aus eigener Erfahrung als Teilnehmerin der Architektouren 2010 kann ich sagen: Viel schlimmer wäre es für mich gewesen, wenn ich mich und mein Haus auf die Architektouren vorbereitet hätte (übrigens bis zwei Uhr morgens vor dem Termin) und dann niemand gekommen wäre. Man wünscht sich ja schon, dass sich viele Leute für das eigene Projekt interessieren. Man hat schließlich viel Zeit und Geld investiert und ist irgendwie auch stolz darauf, dass man ein tolles Haus gebaut hat. Intime Einblicke muss man ja nicht gewähren. Man räumt ja eh alles weg, was Fremde nicht sehen sollen.

Gibt es einen Knigge für Architektouren-Besucher?

Aus meiner Erfahrung muss ich sagen, dass sich sowohl bei meiner eigenen Architektouren-Veranstaltung auch bei den Terminen, auf denen ich als Besucher war, immer alle Leute sehr anständig verhalten haben. Ein paar grundlegende Verhaltensweisen verstehen sich von selbst: Nicht mit dreckigen Schuhen durchs Haus laufen. Wenn Türen geschlossen sind, soll man da wohl nicht reingehen. Wer sich unsicher ist, wo er überall hingehen darf, lieber fragen! Nicht einfach alles anfassen – weder das Bücherregal durchkramen noch die Küchenschränkchen öffnen oder sich womöglich einfach aufs Bett setzen. Und was ich persönlich raten würde: Wenn man in dem Haus Fotos machen will, weil man zum Beispiel die Regallösung gut findet oder die Dekoideen oder seinem Architekten zeigen will, wie man sich die Treppe oder den Balkon vorstellt, dann bitte auch vorher fragen! Meistens darf man ja eh Fotos machen. Aber den Hausbesitzern ist es dann doch lieber, wenn sie wissen, wofür das Foto verwendet wird. Ich selbst war total platt von den vielen Leuten, die gleichzeitig im Haus waren. Man beantwortet mal hier eine Frage, mal dort, aber eigentlich verliert man voll den Überblick. Wenn man also ausführlich mit Bauherrn oder Architekt reden will, lieber warten, bis der Besucheransturm weg ist, oder nachfragen, ob man sich mal außerhalb der Architektouren mit seinen Fragen melden darf.

Also, jetzt seid ihr vorbereitet für die Architektouren. Sucht euch spannende Projekte aus! Ich werde unter anderem das Low-Budget-Stadthaus in Passau anschauen, das Haus am Hang in Passau und ein Projekt in Fürstenzell. Sehr spannend finde ich ein saniertes Elternhaus in Pocking, das jetzt ein Drei-Generationen-Haus ist. Ob ich das aber zeitlich schaffe, muss ich am Samstag sehen. Und auch das Wohnhaus im ländlichen Raum in Bergham wird je nach Zeitbedarf bei den anderen Projekten höchstens spontan besichtigt werden.

Wo WLAN und Kunststofffenster tabu sind: Leben im Ökodorf

Einfahrt zum Ökodorf Erlenweide

Hier beginnt das Ökodorf: Die Garagen wurden für alle Anwohner außerhalb der Siedlung gebaut. Foto: Karin Polz

Es ist schon ein ganzes Jahr her, dass ich das Ökodorf Erlenweide für einen Artikel im PNP-Magazin „Dahoam“ besucht habe. Als ich letztens wieder daran vorbeigefahren bin, habe ich mich erinnert, dass ich die Idee unbedingt im Blog vorstellen muss – schließlich ist sie einerseits ungewöhnlich, andererseits absolut nachahmenswert. Denn es geht um die grundlegende Frage: Wie will ich wohnen? Gerade wer neu baut, hat ja gewisse Vorstellungen davon, wie und wo er wohnen will. Ob sich diese Träume in den neu ausgewiesenen Baugebieten dann umsetzen lassen, das ist meist ungewiss.

Die Wunschvorstellung sieht oft so aus: Neubau in einem Siedlungsgebiet, das nah an der Natur liegt, aber nicht zu weit weg von der Stadt, mit netten Nachbarn, die man alle kennt und mit denen man eine Gemeinschaft bildet, außerdem gerne noch ohne gesundheitsschädliche Einflüsse, und am liebsten sollen auch keine Autos durch die Siedlung fahren oder die Wege zuparken.

19 Bauparzellen in Straßkirchen-Nord

Im Ökodorf Erlenweide in Straßkirchen im Landkreis Passau kann man genau so wohnen. Initiatoren des Projekts waren der Baubiologe Heinz Hofbauer und der Umweltingenieur und Schadstoffexperte Volkmar Hintze. Für die 19 Bauparzellen des geplanten zweiten Abschnitts des Baugebiets Straßkirchen-Nord trugen sie ihre Idee an die Gemeinde heran. Und stießen auf offene Ohren. Allerdings: Die Erschließung sollten sie vorfinanzieren. Das war nicht einfach, gelang aber schließlich mit Vorschüssen der ersten Interessenten und privaten Darlehensgebern. Spatenstich für die Erschließung war im April 2012.

unbebaute und bebaute Grundstücke im Ökodorf Erlenweide

Noch sind die Arbeiten im Gang: Im Herbst 2016 sollen aber alle Häuser fertig gestellt und bezogen sein. Foto: Karin Polz

Heute ist Leben im Ökodorf – an manchen Stellen wird gerade gebaut, andere Bewohner haben es sich schon lange gemütlich gemacht und leben im fertigen Haus mit hübsch angelegten Garten. Es gibt junge Familien, ältere Ehepaare und Häuser, in denen gleich vier Generationen einer Familie wohnen. Alle haben sich einverstanden erklärt, sich an bestimmte Vorgaben zu halten. Diese betreffen zum Beispiel das Parken: Alle Autos werden außerhalb des Dorfes geparkt. Die Garagen und Stellplätze finden sich gesammelt an den verschiedenen Enden der Siedlung, auch für Besucher. Auf den Grundstücken selbst können keine Parkmöglichkeiten errichtet werden. Zum Ein- und Ausladen darf natürlich jeder Ökodorf-Bewohner bis an die Haustür fahren.

Nachhaltige Baustoffe sind verpflichtend

Damit das Ökodorf seinen Namen wirklich verdient, mussten alle Grundstückskäufer sich vertraglich verpflichten, mit nachhaltigen Materialien zu bauen. Holz und Ziegel sind möglich, allerdings keine Wärmedämmverbundsysteme und auch keine Kunststofffenster. Ein gemeinsames Wärmenetz ließ sich nicht umsetzen, nun nutzen viele Häuser Solarenergie. Elektrosmog soll möglichst vermieden werden, darum haben die Anwohner kein WLAN oder schnurlose Telefone. Baubiologen helfen den Bauwilligen, diese Dinge ohne Komfortverlust entsprechend zu planen. Man merkt den Unterschied, in der Luft, beim Schlafen, bestätigen die Anwohner.

Dorfplatz des Ökodorfs Erlenweide mit Dorfbank.

Die Bank am Dorfplatz ist zugleich ein Symbol dafür, dass nicht nur ökologische Gedanken, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl in dem Vorzeigeprojekt gepflegt werden. Foto: Karin Polz

Neben der ökologischen Ausrichtung sollte auch die Bereitschaft da sein, sich in die Gemeinschaft einzubringen. Dafür gibt es zum Beispiel ein Dorf-Bankerl, auch ein Gemeinschaftsgarten und ein Gemeinschaftshaus standen von Anfang an auf der Wunschliste der Initiatoren. „Das Ökodorf arbeitet den ursprünglichen Charakter des Wohnens wieder heraus, diesen dörflichen Charakter, den sozialen Zusammenhalt“, lobt Salzwegs Bürgermeister Josef Putz. Offenbar hatten aber gerade am Anfang des Projekts vor allem Auswärtige Gefallen an der Idee gefunden: Aus München, aus Franken und noch weiter weg kamen Anfragen. Die Einheimischen haben erst später nachgezogen, jetzt siedeln sich auch Waldkirchener und Passauer in Straßkirchens Vorzeigesiedlung Nummer eins an, die mittlerweile komplett ist. Nur eine Eigentumswohnung ist derzeit noch frei.