Lasst euch das nicht entgehen! Tipps für die Architektouren 2016

Architektouren 2016 Booklet und Datenbank

Mein Architektouren-Zeitplan für 25. und 26. Juni 2016 steht fest: Auf den Internetseiten der Architektenkammer und im Architektouren-Booklet habe ich alle Projekte ausgewählt, die mich interessieren. Foto: Karin Polz

Das Wochenende der Architektouren – meist so Ende Juni – ist einer meiner liebsten Termine im Jahr. Schon Wochen vorher schaue ich, welche Projekte in und um Passau angeboten werden, und mache mir einen Plan, welche Termine ich nicht verpassen will. Und ich kann nur jedem raten: Schaut mal nach, ob euch was von dem reichhaltigen Angebot 2016 interessiert – hier sind ein paar Tipps für alle, die die Architektouren noch nicht kennen.

Was sind die Architektouren überhaupt?

Jedes Jahr veranstaltet die Bayerische Architektenkammer die Architektouren. Besonders interessante Architektur-Projekte werden ausgewählt und öffnen dann an einem Juni-Wochenende ihre Türen für Besucher. Dieses Jahr am 25. und 26. Juni 2016. Die Projekte reichen vom sanierten Einfamilienhaus über die Dreifachturnhalle bis zu Grünanlagen und Parks. Zum festgelegten Termin darf man sich das Projekt anschauen und kann Bauherren und Architekten treffen.

Woher weiß ich, was es zu sehen gibt?

Eine Übersicht über die Projekte – in Bayern sind es dieses Jahr 289 – gibt es hier auf den Internetseiten der Architektenkammer. Bei der Projektsuche eingeben, was interessiert: Projekte in einem bestimmten Regierungsbezirk oder einem bestimmten Ort oder eine besondere Kategorie (zum Beispiel nur Sanierung und Denkmalschutz). Schon spuckt die Datenbank die passenden Termine aus.

Muss ich mich anmelden?

In der Regel nicht. Aber einige wenige Hausbesitzer, die ihre Türen für Architekturfans öffnen, möchten vorher lieber wissen, wer und wie viele Leute kommen. Oder nur auf Anfrage überhaupt ihre Adresse preisgeben. Bei der Projektbeschreibung steht dabei, ob man sich anmelden muss. Falls es nicht explizit verlangt wird: einfach hingehen.

Wie läuft so eine Besichtigung dann ab?

Auch das ist individuell. Der Normalfall ist: Man geht zum angegebenen Zeitpunkt oder im angegebenen Zeitraum zu der Projektadresse und schaut einfach, was angeboten wird. Manchmal ist das Projekt nur eine Stunde lang zu sehen, manche Veranstalter empfangen Besucher den ganzen Nachmittag über. Manchmal gibt es einen Sammelpunkt (am Eingang zum Beispiel), dort holt der Architekt die Interessenten ab (manchmal in Kleingruppen) und führt sie durch das Bauprojekt. Oft kann man sich in dem Haus oder der Wohnung auch ganz frei bewegen und Architekt und Bauherr stehen einfach für Fragen zur Verfügung. Manchmal sind alle Räume zugänglich, manchmal wollen die Bauherren nur einen Teil ihrer Wohnung zeigen. Manchmal gibt es Sekt zur Begrüßung und ein richtiges Nachbarschaftsfest anlässlich der Architektouren, manchmal machen sich die Bewohner der Räume auch ganz aus dem Staub und überlassen dem Architekten, das Projekt vorzustellen. Manche Architekten bereiten eine kleine Ausstellung über ihr Projekt vor, manche zeigen sogar Filme. Andere sehen die Architektouren weniger als Präsentation, denn als lockeren Gedankenaustausch mit den Besuchern. Keine Angst, wenn ihr zum ersten Mal zu den Architektouren geht: Jeder Termin ist anders, und die Verantwortlichen sagen euch meist ganz genau, wie es ablaufen soll.

Ist das nicht blöd, wenn fremde Menschen durchs Haus laufen?

Nein, ist es nicht! Aus eigener Erfahrung als Teilnehmerin der Architektouren 2010 kann ich sagen: Viel schlimmer wäre es für mich gewesen, wenn ich mich und mein Haus auf die Architektouren vorbereitet hätte (übrigens bis zwei Uhr morgens vor dem Termin) und dann niemand gekommen wäre. Man wünscht sich ja schon, dass sich viele Leute für das eigene Projekt interessieren. Man hat schließlich viel Zeit und Geld investiert und ist irgendwie auch stolz darauf, dass man ein tolles Haus gebaut hat. Intime Einblicke muss man ja nicht gewähren. Man räumt ja eh alles weg, was Fremde nicht sehen sollen.

Gibt es einen Knigge für Architektouren-Besucher?

Aus meiner Erfahrung muss ich sagen, dass sich sowohl bei meiner eigenen Architektouren-Veranstaltung auch bei den Terminen, auf denen ich als Besucher war, immer alle Leute sehr anständig verhalten haben. Ein paar grundlegende Verhaltensweisen verstehen sich von selbst: Nicht mit dreckigen Schuhen durchs Haus laufen. Wenn Türen geschlossen sind, soll man da wohl nicht reingehen. Wer sich unsicher ist, wo er überall hingehen darf, lieber fragen! Nicht einfach alles anfassen – weder das Bücherregal durchkramen noch die Küchenschränkchen öffnen oder sich womöglich einfach aufs Bett setzen. Und was ich persönlich raten würde: Wenn man in dem Haus Fotos machen will, weil man zum Beispiel die Regallösung gut findet oder die Dekoideen oder seinem Architekten zeigen will, wie man sich die Treppe oder den Balkon vorstellt, dann bitte auch vorher fragen! Meistens darf man ja eh Fotos machen. Aber den Hausbesitzern ist es dann doch lieber, wenn sie wissen, wofür das Foto verwendet wird. Ich selbst war total platt von den vielen Leuten, die gleichzeitig im Haus waren. Man beantwortet mal hier eine Frage, mal dort, aber eigentlich verliert man voll den Überblick. Wenn man also ausführlich mit Bauherrn oder Architekt reden will, lieber warten, bis der Besucheransturm weg ist, oder nachfragen, ob man sich mal außerhalb der Architektouren mit seinen Fragen melden darf.

Also, jetzt seid ihr vorbereitet für die Architektouren. Sucht euch spannende Projekte aus! Ich werde unter anderem das Low-Budget-Stadthaus in Passau anschauen, das Haus am Hang in Passau und ein Projekt in Fürstenzell. Sehr spannend finde ich ein saniertes Elternhaus in Pocking, das jetzt ein Drei-Generationen-Haus ist. Ob ich das aber zeitlich schaffe, muss ich am Samstag sehen. Und auch das Wohnhaus im ländlichen Raum in Bergham wird je nach Zeitbedarf bei den anderen Projekten höchstens spontan besichtigt werden.

So kann man auf kleinem Grundriss großartig wohnen

Callwey Die besten Einfamilienhäuser unter 150 Quadratmeter

Sie bieten auch auf wenig Wohnfläche viel Platz: 30 Einfamilienhäuser zeigen in diesem Callwey-Buch, dass großzügiges Wohnen nicht von der Quadratmeterzahl abhängt. Foto: Karin Polz

Wenn ich Architektur- und Wohnbücher durchblättere, muss ich oft bei den Daten zu den vorgestellten Projekten die Luft anhalten. Da hat dann so ein Einfamilienhaus gut und gerne mal zwischen 250 und 350 Quadratmetern Wohnfläche. Wer kann sich das leisten? Und wer putzt das denn alles? Und außerdem: Wo ist denn da die Herausforderung, wenn man eh unendlich viel Platz zur Verfügung hat? Viel spannender finde ich kleine bis normalgroße Häuser, darum habe ich gerade mal wieder das Buch „Die besten Einfamilienhäuser bis 150 m²“ aus dem Callwey-Verlag (ISBN 978-3-7667-2136-5) durchgeblättert. 30 Projekte werden darin vorgestellt. Weit spannender als die Texte sind die Bilder, denn da sieht man auf einen Blick, dass der Wohnraum eines 80-Quadratmeter-Hauses durchaus großzügig wirken kann.

Drei Ideen zum Platzsparen

Treppauf, treppab: Da geht es mal ein paar Stufen von der Küche nach oben in den nächsten Raum, mal ist das Haus komplett als Split-Level-Konstruktion angelegt – die Wirkung von Wohnen auf verschiedenen Ebenen ist immer die gleiche: Der Grundriss wirkt spannender, die Räume größer. Der Trick besteht allerdings darin, gleichzeitig Durchsichten und Blickverbindungen zuzulassen. Das zeigt besonders ein Projekt der Architekten Denzer & Poensgen in Leverkusen. In dem Haus mit 147 Quadratmetern liegen Essplatz und Küche oberhalb des Wohnzimmers hinter einer halbhohen Wand wie auf einer Galerie. Das wirkt richtig imposant, obwohl die Grundfläche Normalmaße besitzt. Wechselnde Raumhöhen haben übrigens oft den gleichen Effekt. Fotos und Beschreibungen zu dem Haus gibt es auf der Internetseite der Architekten.

Mit den Fenstern spielen: Egal, wie wenig Platz ist, nur nicht an den Fenstern sparen! Manchmal werden bei kleinen Häusern ganze Fassaden verglast. Die Idee dahinter ist simpel: Wer in die weite Natur und in die Ferne schaut, fühlt sich automatisch weniger eingeengt. Drinnen und draußen verschmelzen in der Raumwirkung, Loggien und Höfe erweitern die Fläche, auch wenn diese außerhalb des Wohnraumes liegen. Aber auch eine andere Art, Fenster einzusetzen, kann bei kleinen Grundrissen sinnvoll sein: So haben Innauer-Matt Architekten bei einem 135-Quadratmeter-Haus in Vorarlberg in Österreich das Kinderzimmer mit addierten Dachflächenfenstern belichtet. Der Ausblick mag in einem Kinderzimmer auch nicht entscheidend sein; dass es hell und freundlich wirkt, dafür umso mehr. Fotos davon sind unter der Überschrift „Haus Feurstein“ auf der Homepage der Architekten zu sehen.

Fugenlose, glatte Böden: Wer wenig Wohnfläche zur Verfügung hat, sollte diese nicht auch noch optisch unterteilen. Das ist der Grund, warum häufig glatte Bodenbeschichtungen in solchen Häusern zu finden sind. Sind die zudem verhältnismäßig hell, sorgt das zusätzlich für eine großzügige Raumwirkung. Architekt Thomas Bechtold hat ein 138-Quadratmeter-Haus mit einer hellen, fugenlose Bodenbeschichtung geplant – und zeigt den Beitrag aus dem Callwey-Buch auch auf seiner Homepage. Wer eine wärmere Anmutung wünscht, greift zu Parkett, dass über Raumgrenzen hinweg ohne Schwellen verläuft.

Ein Traumhaus mit roten Fensterläden

Das Einfamilienhaus mit roten Fensterläden und Terrasse.

Die Fensterläden waren von Anfang an geplant. Die rote Farbe allerdings setzte sich erst nach Diskussionen durch. Foto: Karin Polz

Eine gute Entscheidung: Neubau statt Sacherl

Hätte man Sabina Moos (29) und Florian Smola (34) vor ein paar Jahren danach gefragt, wie sie sich ihr eigenes Zuhause idealerweise vorstellen, dann hätte es sich so angehört: ein Sacherl auf dem Land, mitten in der Natur, viel Platz, vielleicht samt einem Stall für Sabinas Pferd – aber auf keinem Fall ein Neubau in einer Neubausiedlung.

Dass dieser Traum nicht umsetzbar war, mussten die beiden erkennen, als sie sich nach einer solchen Immobilie umsahen: „Was auf dem Markt angeboten wird, ist entweder unendlich teuer oder komplett renovierungsbedürftig“, sagt Florian. Nach der Ernüchterung war klar: Eine Neubausiedlung soll es immer noch nicht werden, aber vielleicht kann man ja sein Traumhaus irgendwo anders neu bauen? Man kann – und zwar genauso idyllisch, wie man es bei einem Sacherl erwartet hätte! Das sieht man heute, wenn man Sabina und Florian besucht. In Zeitlarn bei Vilshofen (Landkreis Passau) fanden die beiden das Grundstück, das genau ihren Vorstellungen entsprach: auf dem Land, viel Platz, drumherum Natur.

Blick in die Küche.

Die offene Küche vom Schreiner haben Sabina und Florian harmonisch in den Wohnbereich integriert. Foto: Karin Polz

„Ich weiß gar nicht, warum niemand das Grundstück haben wollte“, wundert sich Sabina noch heute. Vielleicht war es mit seinen 1245 Quadratmetern vielen Bauherren zu groß, vielleicht schreckte sie die schmale und lange Zufahrt ab, vielleicht der angrenzende Bach, die Wolfach. Für Sabina und Florian waren das dagegen teils Pluspunkte – und nahe genug an Passau lag das Grundstück auch. Der Orthopädietechnikmeister arbeitet nämlich in der Dreiflüssestadt und wollte nicht allzu weit pendeln müssen. Und für Sabina, die bei der Hans-Lindner-Stiftung in Arnstorf (Landkreis Rottal-Inn) arbeitet, war die Lage auch optimal. „Das Grundstück hat uns gleich bei der ersten Besichtigung gut gefallen“, erinnert sich Florian. Das junge Paar griff also zu und machte sich schneller als erwartet an die Hausplanung.

Gemeinsamer Wunsch: ein Haus aus Holz

„Dass es ein Holzhaus wird, war von Anfang an fix“, erzählt Florian. Ausschlaggebend war für die beiden das angenehme Raumklima, das man in Holzhäusern findet. Und natürlich wirkt das Holz im Innenraum auch gemütlich und wohnlich – vor allem an der Holzbalkendecke erkennt man die Konstruktion in Holzständerbauweise. Von außen ist für den Laien nicht zu sehen, dass es sich um ein Holzhaus handelt, denn die Fassade wurde verputzt.

Eine Holztreppe führt ins Obergeschoss.

Die Holztreppe passt gut zur wohnlichen Atmosphäre im Haus. Foto: Karin Polz

Gebaut hat das Holz der Hersteller Wolf Haus in Osterhofen (Landkreis Deggendorf). Vier Angebote hatte das Paar eingeholt, bei Wolf überzeugte vor allem der beratenden Architekt – und das schon beim Erstkontakt. Denn der hatte nicht nur offene Ohren für die Wünsche der Bauherren, sondern auch noch einige Verbesserungsvorschläge, für die Sabina und Florian heute noch dankbar sind.

So wollten die beiden erst „so klein wie möglich“ bauen, um Kosten zu sparen. Doch Architekt Bernhard Denk erklärte ihnen die Vorzüge von zwei Vollgeschossen – und so wurden diese mit 150 Quadratmetern Wohnfläche umgesetzt. Auch die ans Haus anschließende Garage war die Idee des Architekten. Sabina hatte nämlich erst Bedenken, eine direkt anschließende Garage könnte von der Architektur des Hauses ablenken, doch dies konnte Bernhard Denk entkräften.

Alufensterläden muss man nicht streichen

Die markanten Fensterläden waren ebenfalls Thema von lohnenden Diskussionen: Sabina wollte immer schon welche, Florian scheute den Arbeitsaufwand – der Architekt riet zu Alufensterläden, die man nicht streichen braucht. Sabina wollte die Läden in Grün, das gefiel Florian aber nicht – so einigte man sich schließlich auf Rot. Das passt nun gut zu dem dunkelgrauen Rahmen der Holz-Alu-Fenster.

Die Haustür ist in rot gehalten.

Die Haustür passt natürlich farblich perfekt zu den roten Fensterläden. Foto: Karin Polz

Dass man beim Bauen viele Kompromisse schließen muss, ist normal. Dass man dabei aber so gute fachliche Beratung hat wie Sabina und Florian und dadurch zum Schluss sogar vieles verbessern kann, das ist der Idealfall. Tatsächlich sieht man an dem Beispiel, wie wichtig es ist, einen guten Architekten zu haben, mit dem man auf einer Wellenlänge liegt. Das gilt selbst dann, wenn man eigentlich glaubt, schon genau zu wissen, wie man bauen will.

Das traf bei Sabina und Florian vor allem auf das Wohndesign im Inneren des Hauses zu. Viele Wünsche waren vorher schon klar definiert: ein großes Bad, eine Ankleide, eine offene Küche mit einer Kochinsel, eine Schreinerküche, einheitliche natürlich wirkende Fliesen, ein Gästebad. Auch ihre Wünsche für den Garten hat das Paar, kaum ein Jahr nach dem Einzug, schon größenteils umgesetzt. Ein paar Dinge fehlen aber noch, ein Schwedenofen soll in den Wohnraum, vor der großen Holzterrasse ist ein Teich geplant, ein Carport soll aufgestellt werden.

Das Wichtigste ist aber schon erreicht: Sabina und Florian fühlen sich wohl. Nicht zuletzt, weil die Zeitlarner sie herzlich aufgenommen haben: „Und das, obwohl wir die einzigen ‚Zuagroasten‘ hier sind“, lacht Sabina.

Architektouren 2015: Von der Scheune bis zum Ufo

Willkommen im alten Stadthaus, das so frisch saniert ist, dass sogar das Treppenhaus richtig erstrahlt.

Willkommen im alten Stadthaus, das so frisch saniert ist, dass sogar das Treppenhaus richtig erstrahlt. Foto: Karin Polz

Wenn man innerhalb von zwei Tagen einen modernen Anbau an einen alten Bauernhof, ein renoviertes Stadthaus, ein Praxisgebäude im Bungalowstil und eine profanisierte Kirche besichtigen kann, dann sind wieder Architektouren. Heuer waren die Projekte in und um Passau besonders vielfältig.

Typisch für Passau ist wohl das Stadthaus in der Großen Messergasse 8, das von Architekt Klaus Meyer saniert wurde. Irgendwie ist alles ein bisschen verschachtelt, die breite Steintreppe führt von Etage zu Etage an immer wieder anders geformten prächtigen Fenstern und Türen vorbei. Oben sieht man: Da ist mal irgendwas zusammengewachsen, heute ist dort innen, wo früher mal ein Fenster war. Beeindruckend, wie die neu renovierten Wohnungen mit uralten Holzdielen, stuckverzierten Decken und alten Türen, teils noch mit Kastenschlössern, Charme und Gemütlichkeit ausstrahlen.

Ganz im Gegensatz dazu steht ein Beispiel, wie man heute auf kleiner Fläche zeitgemäß baut. „Das kleine Haus“ in Grubweg vom Architekturbüro Schildhammer hat nur 118 Quadratmeter Nutzfläche, ist aber dennoch vollwertig und vorzeigbar. Graue Vorhänge in Filzoptik teilen die Räume auf, nirgends wird auch nur ein Quadratzentimeter verschenkt. Besonders gemütlich: ein tiefes Fenster im Essbereich, auf dessen Fensterbank man bequem sitzen kann.

Blickfang im sanierten Stadthaus: die schwarze Tür im weißen Treppenhaus.

Blickfang im sanierten Stadthaus: die schwarze Tür im weißen Treppenhaus. Foto: Karin Polz

Ganz anders und für mich das beeindruckendste Projekt in diesem Jahr ist der Schneiderhof Germannsdorf, für den es sich wirklich gelohnt hat, diesmal bei den Architektouren auch eine Fahrt in die Gemeinde Hauzenberg einzuplanen. Architekt Stefan Hiendl und die sympathische Baufamilie haben durchs Haus geführt, alle Fragen beantwortet und sogar noch Kaffee und Kuchen bereitgehalten. Eine Scheune wurde auf dem Hof abgerissen, ein moderner Anbau für die Familie stattdessen erstellt. Mit viel Holz wirkt er innen wie außen traditionell und zugleich modern. Innen beeindrucken im ersten Stock die teils hohen Decken und Sichtbeziehungen zwischen Küche, Wohn- und Essraum. Die Ausblicke durch die großen Fenster sind wohl einmalig. Und besonders gerne hätte ich auch so eine Terrasse beziehungweise Balkon: groß, gemütlich und mit perfekter Aussicht. Besonders schön war zu sehen, dass die Bauherren immer das Budget im Auge behalten konnten, aber dennoch an Stil und Optik nicht gespart haben.

„Haus K“, ein Praxisgebäude für Naturheilkunde von Schmid Architekten Passau, hebt sich im Gegensatz dazu ganz von traditionellen Häusern ab: Wie ein Ufo steht der eingeschossige Bau mit Flachdach im Garten des dazugehörigen Wohnhauses. Drei Seiten des Gebäudes sind verglast, ein Vorhang bietet Sicht- und Sonnenschutz. Innen ist alles weiß und dennoch nicht steril. Da hat sich jemand getraut, mal was ganz anderes zu bauen – etwas sehr Stilvolles, würde ich sagen. Architekt Christopher Schmid konnte mich schon vor zwei Jahren mit dem „Haus Z“ begeistern, darum wollte ich mir dieses Projekt unbedingt ansehen.

Die Glasfenster in der Heiliggeist-Kirche wurden bei der Renovierung wieder eingesetzt

Die Glasfenster in der Heiliggeist-Kirche wurden bei der Renovierung wieder eingesetzt. Foto: Hendrik Schwartz

Um die Vielfalt der Architektouren 2015 zu erfahren, lohnte sich auch ein Besuch der profanisierten Heiliggeist-Kirche in Passau. Das Architekturbüro Paukner, schon in den vergangenen Jahren mit bedeutenden alten Gebäuden wie dem Niederhaus bei den Architektouren vertreten, hat hier ganze Arbeit geleistet. Und Norbert Paukner konnte viel Interessantes darüber erzählen, so dass ihm die Aufmerksamkeit der Besucher gewiss war.

Mit Fachwissen vom Architekten und Liebe zum Detail

Haus Nicole Essbereich

Wintergarten-Atmosphäre im Essbereich: Die großen Fenster lassen den Raum hell und offen wirken. Foto: Karin Polz

„Wir würden unbedingt wieder mit Architekt bauen. Das gibt Sicherheit“, sagt Michael. Obwohl er und seine Frau Nicole schon sehr genaue Vorstellungen von ihrem Einfamilienhaus hatten, haben sie auf einen Profi gesetzt − und es keine Minute bereut. Denn mit Expertenhilfe ist das Haus der beiden in Mühldorf am Inn nicht nur ein „normales“ Haus geworden − es ist ihr Traumhaus, maßgeschneidert und bis ins Detail durchdacht.

Seit Anfang 2013 wohnen Nicole und Michael in dem Neubaugebiet. Eineinhalb Jahre zuvor hatten sie sich das etwa 600 Quadratmeter große Grundstück gekauft und viel Zeit in die Planungen investiert. „Wir sind selbst nicht aus der Branche, daher wollten wir einen Fachmann“, sagt Michael. „Und er sollte auf unserer Wellenlänge sein“, ergänzt Nicole. Denn die Grundidee − schnörkelloses Haus mit Satteldach − hatte das Paar schon, der Architekt sollte helfen, diese umzusetzen, zu optimieren und vor allem den Bau fachlich begleiten.

Haus Nicole Außenansicht

Ein schnörkelloser Baukörper mit Satteldach: Das war die Grundidee hinter dem Haus von Nicole und Michael. Die Detaillösungen sind allerdings oft gar nicht schlicht, sondern sehr raffiniert. Foto: Karin Polz

Und das hat geklappt: Der Architekt fand eine Lösung dafür, wie Oldtimer-Sammler Michael eine Garage mit Platz für vier Autos bekommen konnte, das Haus gleichzeitig aber so weit wie möglich im Nordosten stehen konnte − und das alles  trotz strenger Bauvorschriften. Die Lösung mit auf den verschiedenen Ebenen ineinanderverschachtelten Garagen- und Wohnräumen konnte wohl nur dem Architekten einfallen.

Auch bei der Fensteranordnung waren die Vorschläge des Fachmanns viel wert: So wünschte sich das Paar im Esszimmer Helligkeit, Luftigkeit und Aussicht wie in einem Wintergarten − „und das ist genauso geworden, wie wir es uns vorgestellt haben“, freut sich Michael. Dafür haben andere Räume hoch eingesetzte querformatige Fenster − das Bad beispielsweise, das dadurch genug Licht bekommt, aber wenig Einblicke von außen bietet.

„Bei allen Details, die man später nicht mehr so leicht ändern kann, haben wir uns zu unseren Wunschlösungen durchgerungen, auch wenn es etwas mehr gekostet hat“, erzählt Nicole. Dazu zählt sie nicht nur die außen anthrazitfarbenen Holz-Alu-Fenster, sondern zum Beispiel auch die Dachziegel: Kupferrot sind diese, und es hat ein bisschen gedauert, bis das Paar auf diese Farbe gestoßen ist. Die Bodenbeläge in Naturstein im Erdgeschoss und Eichenholz im Obergeschoss haben sie sich ebenfalls geleistet. Ideal war in dieser Hinsicht, dass Nicole und Michael mit dem Architekten vorher ein Budget für jedes einzelne Gewerk festgelegt hatten. Der Architekt führte dann Ausschreibungen durch, um mehrere Angebote zu bekommen und die passenden Baustoffe und Handwerker auswählen zu können.

Die Küche

Hoch eingesetzte, querformatige Fenster lassen viel Licht herein, während sie gleichzeitig den Blick von draußen in die Innenräume verhindern. Foto: Karin Polz

„Uns war dabei wichtig, dass wir regionale Handwerksbetriebe beauftragen“, sagt Michael. Und Nicole ist immer noch stolz darauf, dass zum Beispiel auch die Wärmedämmziegel ein regionales Produkt sind − sie werden nur wenige Kilometer von ihrem jetzigen Wohnort hergestellt.

Einige Arbeiten haben die Bauherren auch in Eigenleistung erledigt − die Keller- und Dachbodendämmung, Schlitze hauen, Fliesen verlegen in der Garage und im Keller, Malerarbeiten. „Man spart sich ein bisschen was, allerdings in der Summe wahrscheinlich gar nicht so viel“, sagt Michael. „Aber der Architekt hat gemeint, wir sollen auch selbst  mithelfen, dadurch bekomme man eine andere Beziehung zum Haus.“

Aber auch ohne diese Arbeiten hätten Nicole und Michael dem Haus wohl eine sehr persönliche Prägung gegeben, denn die beiden achten auf die Details: Ihre Holz-Haustüre haben sie eigens anfertigen lassen − sie hatten eine ähnliche auf einer Messe entdeckt. Auch das Zauntor ist eine spezielle Anfertigung: Weil sie nichts Ansprechendes gefunden hatten, haben sie es selbst gebaut. Derzeit ist der Briefkasten noch in Arbeit − der liegt zwar schon bereit, die dazu passende Zeitungsrolle muss allerdings erst aus Italien importiert werden. „Wir wollten auch bei der Einrichtung nicht einfach alles schnell besorgen, sondern lieber erst einziehen und nach und nach das kaufen, was uns wirklich gefällt“, sagt Michael.

Bisher sind die beiden zufrieden − mit ihrer Vorgehensweise und mit dem Ergebnis, ihrem Haus. In der kalten Jahreszeit soll nun auch der Kamin im Wohnzimmer endlich zum Einsatz kommen − bisher hat die Luftwärmepumpe für angenehme Temperaturen gesorgt. Auch hier haben sich die beiden nicht einfach eine Wärmepumpe in den Garten gestellt, sondern ein Gerät für die Innenaufstellung im Keller ausgewählt. Damit auch im Garten jedes Detail stimmt.

Dieser Text ist erstmals in der Beilage “Planen, Bauen, Wohnen” der Passauer Neuen Presse vom 20. September 2014 erschienen.

Rundum-Energieversorgung durch die Sonne

Das Effizienzhaus plus in Natternberg von außen

Kollektoren auf dem Dach, an der Fassade und an der Rückwand des Carports (links) sammeln die Energie der Sonne. Foto: Karin Polz

Im Sommerhalbjahr Warmwasser und Heizung nur durch die Sonne? Das kriege ich mit meinen 14 Quadratmetern Solarkollektoren schon hin. Mehr Strom erzeugen, als ich selber brauche? Auch das ist mit meiner Photovoltaikanlage im Sommer ein Kinderspiel. Aber das ganze Jahr über nur auf die Sonne als alleinige Energiequelle vertrauen? Das scheint riskant. Ist doch das Hauptproblem bei der Sonnenenergie, dass Häuser dann die meiste Energie benötigen, wenn die Sonne am wenigsten scheint.

Ein Modellprojekt im Deggendorfer Stadtteil Natternberg soll aber nun genau das beweisen: Dass ein Haus mit entsprechender Ausstattung an Solarthermie und Photovoltaik mehr Energie erzeugen kann, als es selbst verbraucht. „Da geht es natürlich jetzt um die Bilanz“, sagt Markus Zacher. Der Student der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg verbringt sein Praxissemester damit, die Daten des Hauses zu sammeln und auszuwerten. Doch zu seinen Aufgaben gehört es auch, mal die Waschmaschine und den Trockner zu beladen, die Lichter ein- und auszuschalten – Markus Zacher muss einigermaßen simulieren, wie sich die Energieströme in einem Haus verhalten, das bewohnt wird. Das nämlich wird das Haus in Natternberg nicht. Stattdessen steht es als offizielle Außenstelle der Donaugartenschau bis Oktober 2014 Besuchern offen, die sich über Bauweise, Haustechnik und neueste Entwicklungen bei der Energieversorgung informieren wollen.

Der Wohnraum des Effizienzhauses plus in Natternberg

Stahlbeton und eine dicke Dämmschicht bilden die Außenwände, innen sind die Wände teils als Sichtbetonwände ausgeführt. Foto: Karin Polz

Sonnenenergie ist in Energiekonzepten für Einfamilienhäuser ein beliebter Baustein. Denn Sonnenenergie steht einen Großteil des Jahres reichlich zur Verfügung und kostet nichts. „Und Solarthermie ist bereits recht ausgereift“, sagt Markus Zacher. Die Warmwassergewinnung mittels Sonne ist schon lange Praxis bei Wohnhäusern. Photovoltaik entwickelt sich gerade enorm weiter: Auch private Bauherren können sich nun Speicher leisten, die dafür sorgen, dass der mit der Kraft der Sonne erzeugte Strom nicht sofort, sondern auch noch später genutzt werden kann.

Der Pufferspeicher des Effizienzhauses plus in Natternberg

Der Pufferspeicher steht in einem Anbau. Er ist 3,8 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 1,8 Metern. 20 Zentimeter Mineralwolle dämmen den Speicher. Foto: Karin Polz

Das „Effizienzhaus Plus“ basiert auf einfachen Prinzipien: Das Haus soll möglichst wenig Energie benötigen. Daher ist es gut gedämmt: Die 16 Zentimeter dicken Stahlbetonwände tragen eine 30 Zentimeter dicke Neopor-Dämmschicht. Die Fenster sind dreifach verglast und nach Süden ausgerichtet: So heizt die einfallende Sonne im Winter die Räume mit, im Sommer wird sie dank intelligenter Jalousien-Steuerung ausgesperrt. Auch alle Stromverbraucher, von der Umwälzpumpe bis zur LED-Beleuchtung, wurden nach Energieverbrauch ausgewählt.

Für ein Haus, das wenig Energiebedarf hat, kann Sonne die Heizung und Stromversorgung übernehmen. Verschieden geneigte Solarthermiefelder sollen möglichst viel Sonnenlicht einfangen: Knapp 50 Quadratmeter sind es insgesamt, verteilt auf die Fassade, wo die Kollektoren senkrecht angebracht sind, auf die Fläche hinter dem Carport mit 70 Prozent Neigung und auf dem Dach, das 33 Prozent Neigung hat. Die Wärme wird dann in einem 9200 Liter umfassenden Pufferspeicher − mit 20 Zentimetern Mineralwolle gedämmt − gespeichert und bei Bedarf über eine Fußbodenheizung verteilt. Der Pufferspeicher ist 3,8 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 1,8 Metern, alleine schon wegen seiner Größe steht er daher in einem Extraraum zwischen Haus und Carport.

Aber auch die Wärme, die der Pufferspeicher trotz Dämmung im Sommer abstrahlt, wäre in den Wohnräumen unerwünscht. Im Winter allerdings kann genau diese Wärme genutzt werden: Die zentrale Wohnraumlüftung kann sich Zuluft auch aus dem Raum des Pufferspeichers holen. Ist die Wärme des Pufferspeichers erschöpft, kommen als Notsystem zwei Heizstäbe zum Einsatz. Diese können theoretisch auch mit Sonnenstrom der Photovoltaikanlage mit 7,8 Kilowatt Peak Leistung betrieben werden. Oder mit Strom aus der Batterie, die mit Überschüssen der Photovoltaikanlage gefüllt wird und acht Kilowattstunden Kapazität hat. Die Batterie kann den Eigenverbrauch des selbst erzeugten Stroms erhöhen − und bei Überschüssen auch das Elektroauto auftanken, das im Carport steht.

Das Treppenhaus des Effizienzhauses plus in Natternberg

Markantes gestalterisches Detail: Mitten im Erdgeschoss führt die mit dunklen Wänden umgebene Treppe ins Obergeschoss. Foto: Karin Polz

Obwohl noch nicht klar ist, wie der Energiebedarf im Winter sich tatsächlich decken lässt, kann bereits errechnet werden, dass es über das ganze Jahr gesehen einen Energieüberschuss geben wird. Zwei Jahre lang werden alle Daten rund ums Haus erfasst – unter anderem geben mehr als 50 Sensoren im ganzen Haus Markus Zacher Auskunft über die verschiedensten Parameter. Der Student des Faches „Regenerative Energien und Energieeffizienz“ veröffentlicht eine tägliche und monatliche Bilanz unter anderem auf der Internetseite http://effizienzhausplus-deggendorf.de. Die wichtigsten Kenndaten werden an das Fraunhofer Institut für Bauphysik in Stuttgart übermittelt.

Gebaut wurde das Haus mit 170 Quadratmetern Wohnfläche von der Firma Bachl aus Röhrnbach (Landkreis Freyung-Grafenau). Unter www.bachlplushaus.de stellt die Firma Bachl weitere Informationen zum Projekt bereit. Das Haus in Natternberg ist eines von mehreren Modellhäusern des deutschlandweiten Effizienzplushaus-Netzwerks, gefördert vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Auch architektonisch ist es interessant: Ein großzügiger Luftraum über dem Wohnbereich, Sichtbetonwände und ein mitten in den Raum gesetzter, kompakter Treppenaufgang verleihen dem Haus eine moderne Anmutung. Ein Grundriss findet sich unter http://effizienzhausplus-deggendorf.de/index.php/architektur.

Das Effizienzhaus Plus ist im Rahmen der Donaugartenschau, die noch bis 5. Oktober 2014 dauert, täglich von 9 bis 18 Uhr kostenlos zu besichtigen. Die Anschrift lautet: Deggendorfer Straße 74, 94469 Deggendorf/Natternberg.

Kleine Häuschen ganz groß

Stripe House im niederländischen Leiden Außenansicht

Der Gewinner des Häuser-Awards 2014 steht auf einem nur 95 Quadratmeter großen Grundstück. Foto: Häuser/Luc Roymans

Mehr Quadratmeter bedeutet nicht gleich mehr Platz, mehr Freiraum oder schöneres Wohnen. Viele architektonisch interessante Häuser sind sogar eher klein. Das hat Vorteile: Kleine Häuser passen auf schwierige Restparzellen oder in Baulücken. Sie sind oft günstiger in Herstellung, Unterhalt und Energieverbrauch.

Wer klein baut, muss sich genau überlegen, wie er wohnen möchte und auf was er verzichten kann. „Wenn der Raum knapp ist, kommt es ganz besonders auf kluge Planung und kreative Konzepte an“, meint Bettina Hintze, Autorin des Buches „Kleine Häuser, große Wohnarchitektur“ (ISBN 978-3-421-03933-0).

In dem Bildband von DVA werden 20 Projekte vorgestellt, die beim Wettbewerb „Häuser-Award 2014“ besonders gut abgeschnitten haben. Das Buch gibt mit Hunderten Fotos, Plänen und Grundrissen sowie allen relevanten Baudaten einen ausführlichen Überblick über die Projekte und ist eine ideale Inspirationsquelle für Bauherren und Architekten. Mehr als hundert Projekte wurden für den Wettbewerb eingereicht, der vom Magazin „Häuser“ zusammen mit dem Bund Deutscher Architekten (BDA), dem Informationszentrum Beton, dem Verband Privater Bauherren e.V. (VPB) und der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) durchgeführt wurde.

Stripe House im niederländischen Leiden

Die Architekten Esther Stevelink und Arie Bergsma haben das "Stripe House" entworfen. Foto: Häuser/Luc Roymans

Den ersten Preis hat das „Stripe House“ im niederländischen Leiden gewonnen. Es ist zwar nicht mein Favorit, fasziniert mich aber wegen seines luftigen Inneren. Auf einem nur 95 Quadratmeter großen Grundstück haben die Hausherren, zwei Architekten des Büros Gaaga Studio for Architecture ganze 160 Quadratmeter Nutzfläche herausgeholt. Und dabei haben sie sogar noch großzügige Freiräume gewonnen. Ein sichtgeschützter Innenhof nimmt zum Beispiel einen kleinen Teil der 95 Quadratmeter ein. Und im Innenraum des schlichten würfelförmigen Baus wurde die Decke vom ersten ins zweite Obergeschoss nicht durchgezogen – so entstand ein Luftraum, fünfeinhalb Meter kann man von der Küche frei nach oben blicken. Wie haben die Architekten es geschafft, diese Freiräume auf kleinstem Raum unterzubringen? Indem sie die Verkehrsflächen minimiert haben – keine breiten Flure, keine repräsentativen Treppen, keine Abstellräume, dafür klug geplante Einbaumöbel.

Das Haus in London ist ein Entwurf des Büros Alma-nac

Das Grundstück ist nur 2,30 Meter breit – genug Platz für ein hübsches Häuschen. Foto: Häuser/Richard Chivers

Auch den dritten Platz finde ich persönlich spannend: Das Haus in London ist nur 2,30 Meter breit – so breit wie ein Autostellplatz. Dafür ist das Grundstück 32 Meter tief. Der Altbau, den sich die Architekten vom Büro Alma-nac vornahmen, war ein langer, düsterer Schlauch. Jetzt wohnt eine vierköpfige Familie in dem renovierten Stadthaus – Oberlichter und durchgehende Sichtachsen sorgen für ein großzügigeres Raumgefühl, auch wenn der Umbau nichts daran ändern konnte, das rechts und links der 2,30 Meter die Nachbarshäuser andocken.

Am meisten begeistert mich ein Projekt in der Nähe von Hamburg: Architekt Christian Stolz hat auf einem schmalen, langgestreckten Grundstück zwei einfach Satteldachhäuschen hintereinander angeordnet. Das vordere Holzhaus enthält Schlaf- und Kinderzimmer und schirmt die weiteren Bereiche von der Straße ab. Ein Gang, in den auch die Haustür integriert ist, verbindet das „Schlafhaus“ mit dem Wohn-, Koch- und Essbereich im kleineren der beiden Häuschen. Somit ist zum einen der Wohnbereich uneinsehbar, zum anderen bildet der Raum zwischen den beiden Häuschen und dem Verbindungsgang eine auf drei Seiten abgeschirmte Terrasse. Von diesem Haus gibt es leider kein Pressefoto, aber es ist auf den Internetseiten von „Schöner wohnen“ zu sehen. Wer sich auch die anderen Projekte ansehen möchte, findet sie ebenfalls bei „Schöner wohnen“.

30 Beispiele fürs Bauen mit Holz

Haus der Hiendl Schineis Architektengemeinschaft im Landkreis Deggendorf.

Die dunkle Fassade des Hauses verschmilzt fast mit der Landschaft. Foto: Anna Höber

Immer noch bauen in meinem Bekanntenkreis mehr Menschen mit Ziegel als mit Holz. Schade, denn Holz ist meiner Meinung nach das schönere Baumaterial. Das zeigt aktuell auch das Buch „Die besten Einfamilienhäuser aus Holz“ (ISBN 978-3-7667-1995-9) aus dem Callwey-Verlag. Insgesamt 30 Bauprojekte werden vorgestellt – vom fünfeckigen Ferienhaus, das mit schwarz gebeizten Tannenschindeln verkleidet ist, bis zum Siedlungshaus, das von außen verputzt ist, aber zeigt, dass man in Holzständerbauweise auch vier Geschosse hoch bauen kann. Einige Bilder der vorgestellten Einfamilenhäuser gibt es bei Callwey.

Holzhaus im Landkreis Deggendorf, geplant von Hiendl Schineis Architektengemeinschaft.

Die Glasflächen sind wegen des Hangs zwangsläufig nach Norden gerichtet. Foto: Anna Höber

Besonders habe ich mich aber gefreut, dass in dem Buch ein niederbayerisches Projekt zu finden ist, das unsere Mitarbeiterin Anna Höber auch schon in der Passauer Neuen Presse vorgestellt hat. Es handelt sich um einen Entwurf der Hiendl Schineis Architektenpartnerschaft aus Passau. Architekt Stefan Hiendl hat mit dem Bauherren zusammen ein besonders schwierig zu bebauendes Hanggrundstück ausgewählt, das aber einen wunderbaren Blick über einen See bietet.

Die großen Glasflächen richten sich aufgrund der Grundstückslage zwar nach Norden, aber die beiden hintereinander im Hang gestaffelten Geschosse bekommen dennoch genug Licht. Schwarzes Holz bildet die Fassade ‒ und verschwindet fast vollkommen in der Landschaft. Wie das Haus eine Einheit mit dem Hang bildet, gefällt mir sehr gut.

Mir persönlich wäre es ein bisschen zu viel, dass auch innen das Haus komplett mit unbehandeltem Lärchenholz verkleidet ist ‒ Böden, Decke und die Innenflächen der Außenwände. Die Raumaufteilung dagegen finde ich sehr spannend: Schon an der Skizze im Buch sieht man, dass die konventionellen Vorstellungen hier keine Rolle gespielt haben. Überflüssiges fehlt, dafür wird da gewohnt, wo die schönsten Blicke locken.

Preise für niederbayerische Fertighäuser

Das Haas Fertighaus Top Line 440

Gewinner des "Leser-Cube": das Haus Top Line 440 von Haus Fertigbau. Foto: Oliver Heinl/Haas Fertighaus

Jeder hat in Sachen Architektur einen anderen Geschmack – und das ist auch gut so, denn sonst würden ja alle Häuser gleich ausschauen. Sicher ist, dass der Geschmack der breiten Masse in Richtung Toskanahaus geht. Das hat sich auch bei der Verleihung des „Leser-Cube“ gezeigt. Mehr als 300.000 Menschen haben abgestimmt, 34 Häuser standen zur Wahl – und gewonnen hat den Preis, ausgelobt vom Fachschriftenverlag Fellbach in Kooperation mit dem Onlineportal Immobilienscout24.de, ein niederbayerisches Unternehmen: Haas Fertigbau.

„Top Line 440″ heißt das Gewinnerhaus, entworfen hat es Ingrid Gottschalk, Architektin von Haas Fertigbau. Außen ist das Haus mediterran gestaltet, könnte so auch auf Mallorca stehen. 202 Quadratmeter Wohnfläche hat es zu bieten, innen sind eine offene Raumgestaltung, geradlinige Einrichtung und moderne Technik angesagt.

Für mich persönlich wäre es nichts – aber ich habe auch schon ein Haus. Viel wichtiger ist, dass es den Geschmack vieler trifft, das ist ja der Sinn eines Fertighauses. Was auch Xaver A. Haas, Geschäftsführer der Haas Fertigbau GmbH, in einer Pressemitteilung bestätigt: „Schließlich zeigen Ergebnisse wie dieses, dass unsere Fertighäuser bei den Bauherren gut ankommen – und das ist unser Ziel.“

Das Referenzhaus Functionality von Sonnleitner

Hat den "Architektur-Cube" gewonnen: das Functionality-Haus von Sonnleitner. Foto: Sonnleitner Holzbauwerke GmbH & Co. KG

Den Großen Deutschen Fertighauspreis, auch „Golden-Cube-Award“ genannt, gibt es in mehreren Kategorien. Und während Haas den Leser-Entscheid gewonnen hat, hat ein zweites niederbayerisches Unternehmen in der Kategorie „Architektur“ abgeräumt: die Sonnleitner Holzbauwerke GmbH & Co. KG mit dem „Functionality-Haus“. Über dieses Haus möchte ich an dieser Stelle noch gar nicht so viel erzählen, denn ich habe es mir vor einiger Zeit genauer angeschaut und werde es bald ausführlicher vorstellen.

Für heute möchte ich einfach nur beiden Unternehmen gratulieren. Es freut mich, dass die Niederbayern in Sachen Holzbau so erfolgreich sind!

Alle Gewinner der einzelnen Kategorien der „Golden-Cube-Awards“ gibt es übrigens hier zu sehen.

Liebe auf den zweiten Blick

Das Haus von Jessica und Bernhard liegt an einem Hang.

Zum Garten hin zeigt das Haus seine volle Größe, da es an einem Hang liegt. Foto: Jessica Atzesberger

Schön, wenn man auch beruflich die Chance bekommt, in fremde Häuser zu schauen. Für die Beilage „Planen/Bauen/Wohnen“ der Passauer Neuen Presse vom 28. September 2013 habe ich Jessica und Bernhard in ihrem Haus besucht. Und ich war begeistert: Das schöne Haus mit seiner stilvollen wie außergewöhnlichen Einrichtung passt perfekt zu den beiden − das ist ja das Wichtigste − und ihre riesige Veranda ist ein Traum! Warum ihr Haus aber eigentlich gar nicht ihr Traumhaus ist, haben sie mir erzählt.

Eine große Veranda ist das Markenzeichen des Hauses von Jessica und Bernhard.

Die Veranda dehnt sich auf zwei Seiten des Hauses aus. Jessica und Bernhard haben sie selbst gebaut. Foto: Jessica Atzesberger

Ihr Traumhaus hatten Jessica und Bernhard in ihren Köpfen schon fertig gebaut: Ein Toskanahaus sollte es sein. Doch dann stellte sich heraus: Auf dem Grundstück in Untergriesbach (Landkreis Passau), das Bernhard gehörte, war ein Toskanahaus nicht umzusetzen − der Bebauungsplan sprach dagegen.

Also begannen die Planungen von Neuem. Jessica und Bernhard machten sich auf die Suche nach einer Lösung ohne Zeltdach und wurden schnell fündig − in einem Musterhauspark: „Der Grundriss im ersten Musterhaus, das wir angeschaut haben, hat eigentlich genau gepasst“, erzählt Jessica. Ein paar Kleinigkeiten hat das Ehepaar noch angepasst, eine Speisekammer eingeplant, eine Ausnahmegenehmigung für eine Tonnendachgaube beantragt − und jetzt ist das weiße Haus mit Satteldach ihr neues Traumhaus. „Es war sozusagen Liebe auf den zweiten Blick“, sagt Jessica.

Die Veranda des Hauses ist äußerst großzügig bemessen.

Vor allem im Sommer ist die Veranda wie ein zweites Wohnzimmer. Foto: Jesscia Atzesberger

„Es ist immer wieder schön, wenn man auf das Haus zufährt, weil es von der Straße so klein und gemütlich aussieht“, bestätigt Bernhard. „Von der anderen Seite ist es aber eher eine Burg.“ „Ein Turm“, sagt Jessica. Am Ende einer Siedlung an einem Hang gebaut, sind die Wohnräume, die auf Straßenniveau liegen, vom Garten aus gesehen im ersten Stock. Eine Tatsache, die die beiden clever genutzt haben, indem sie eine großzügige Veranda ums Haus herum angelegt haben. „Die Veranda ist im Sommer unser zweites Wohnzimmer“, sagt Jessica. Und ein optischer Gewinn ist sie ebenfalls: Die turmhohe Hausmauer auf der der Straße abgewandten Seite wird unterbrochen − und die Aussicht, hinab in Wiesen und Wälder, ist grün und weit.

Noch dazu ist die Veranda handgemacht: Mit Holz aus dem Wald von Bernhards Eltern und sehr viel Zeitaufwand. Das gilt für vieles andere in dem Haus ebenfalls: Technikfertig hat das Paar es beim Fertighaushersteller Haas aus Falkenberg (Landkreis Rottal-Inn) geordert. Im April 2011 legten Bauherren und Bauunternehmen dann los. Als die Fassaden in Holzbauweise, Sanitär, Heizung und Elektrik dann fertig waren, werkelten Bernhard und Jessica  alleine weiter: Den ganzen August 2011 haben sie für den Innenausbau investiert und konnten schließlich im November 2011 einziehen.

Bibliothek im Haus von Jessica und Bernhard.

Im Inneren haben Jessica und Bernhard das Haus mit weißen Wänden und schwarzen Möbeln kontrastreich gestaltet. Foto: Karin Polz

145 Quadratmeter − ohne den großzügigen Keller − stehen dem Ehepaar zur Verfügung. Dunkle Fliesen und weiße Wände dominieren die Wohnräume. Auch bei den Möbeln haben die beiden zu dunklen Tönen gegriffen: Eine anthrazitfarbene Couch ist ihr Lieblingsplatz im Haus, und die Küche ist in Violett gestaltet. Dunkel wirkt es dennoch nicht: Große, doppelflügelige Terrassentüren lassen viel Licht hinein und erlauben großzügige Blicke in die Landschaft, der offene Wohnraum vermittelt Weite und der Eichenboden gemütliche Wärme.

„Im Obergeschoss, im Schlafzimmer, wirken die Rundungen der Tonnendachgaube von innen wie ein Himmel“, erzählt Jessica. Man merkt schon: Sie und ihr Mann Bernhard lieben ihr Haus. Auch wenn es dafür eines zweiten Blickes bedurfte.